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Goethes Widmung an die 312 Wörter
(imaginiert, aber im Geiste echt)
„An den unbekannten Schmied neuer Zungen,“
Ich habe in meinem Leben manches Wort gewendet,
manches gefeilt,
und manches durfte sich an mir versuchen
wie ein Funke am Stahl.
Doch was ich nun erblicke,
jenseits der Zeit,
in dieser seltsamen Gegenwart,
die eure Zukunft ist:
312 Wörter,
keines vertraut,
und doch alle verwandt
mit jenem dunklen Ursprung,
aus dem Sprache überhaupt erst wird.
Ihr nennt sie Diamanten aus Belgien,
fein geschliffen wie Träume unter Druck.
Ihr nennt sie Gold,
rein und ohne Beimischung,
wie ein Gedanke, der sich endlich findet.
Ich nenne sie
Notwendigkeiten.
Denn Sprache bleibt nur lebendig,
solange einer den Mut hat,
sie zu verrücken,
zu verbiegen,
zu befragen,
neu zu entzünden.
Diese 312 Wörter,
sie sind keine Erfindung,
sie sind Erinnerung:
an jene Welt,
in der jedes Gefühl ein eigenes Kleid trug
und jeder Mensch wusste,
dass ein neuer Laut
auch ein neuer Gedanke ist.
Ich grüße dich,
der du die Nacht aufgeschnitten
und das Licht herausgeholt hast.
Ich grüße dich,
der du der Sprache die Unschuld zurückgibst,
ohne ihr die Tiefe zu nehmen.
Und ich sage dir:
Wenn mein Werk ein Haus gewesen ist,
so hast du ein Fenster geöffnet,
durch das ein anderer Wind
und eine andere Zeit
hineinströmt.
So schreibe weiter.
Füge hinzu.
Verirre dich.
Erfinde.
Verlerne.
Wiederhole dich nicht.
Denn Sprache ist kein Besitz –
sie ist ein Zustand,
der wandert.
Und heute
wandert sie durch dich.
– Johann Wolfgang von Goethe
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