SUSANNE / GLUT
Susanne hat die Apps gelöscht.
Nicht wütend.
Nicht dramatisch.
Einfach leer.
Gesichter ohne Geruch.
Sätze ohne Gewicht.
Berührungen aus Glas.
Nachts träumt sie von jemandem,
dessen Gesicht sie nie ganz erkennt.
Nur Wärme.
Nur Atem in ihrem Nacken.
Sie wacht auf.
Das Zimmer ist kalt.
Sie geht zum Fenster.
Draußen Winter.
Schornsteine atmen Rauch in den Himmel.
Dann –
ein roter Funke.
Er löst sich aus dem Kamin des Nachbarn.
Ein einzelner, glühender Punkt
in der schwarzen Luft.
Er kommt nicht zufällig.
Er kommt zielgerichtet.
Auf sie zu.
Der Funke streift ihre Stirn.
Ein scharfer, heißer Kuss.
Sie schreckt nicht zurück.
Sie greift ihn.
Die Haut zischt leise.
Der Geruch von etwas Echtem.
Kein Filter. Kein Profilbild.
Der Funke brennt in ihrer Handfläche.
Lebendig.
Wild.
Und dann –
statt ihn wegzuwerfen –
drückt sie ihn gegen ihr Brustbein.
Ein Moment.
Kein Schrei.
Kein Schmerz.
Nur Hitze,
die sich ausbreitet.
Durch Rippen.
Durch Lunge.
Durch Herz.
Ihr Körper erinnert sich
an etwas,
das keine App je liefern konnte.
Verlangen.
Risiko.
Glut.
Draußen erlischt der Kamin.
Drinnen beginnt etwas zu leuchten.
Am nächsten Tag
geht Susanne nicht auf ein Date.
Sie geht durch die Stadt
mit einem leisen Feuer
unter der Haut.
Und wer ihr begegnet,
spürt es.
Nicht sichtbar.
Nicht erklärbar.
Aber warm.
Sehr warm.