| |
Szene: Das Rezept für die Nacht
Der Apotheker holt ein altes, ledergebundenes Buch hervor. Die Seiten rascheln wie Blätter im Wind. Mit einem stumpfen Federkiel schreibt er in langsamen, fast tänzelnden Strichen:
Rezept für ein Leben in Tropfen
-
Zutaten:
-
Ein Atemzug, den du nicht erklärst.
-
Ein Herzfunken, der niemandem gehört.
-
Drei Tropfen Traumglühen.
-
Ein Fingerschweif über alles, was dich gestern hielt.
-
Ein Hauch Nachtperlen.
-
Mundraunen, so leise, dass nur du sie hörst.
-
Zubereitung:
-
Beginne mit dem Atemzug. Lass ihn den Leibflut durchziehen.
-
Füge Herzfunken hinzu, ohne zu messen. Sie sollen springen, nicht sitzen.
-
Streue Traumglühen auf jeden Winkel deines Tages – auch auf die Schatten.
-
Lass Fingerschweif und Nachtperlen miteinander tanzen, bis sie flimmern.
-
Mundraunen über alles legen, bis die Welt stillhält.
-
Dosierung:
-
Nicht zu oft. Nicht zu selten. Immer dann, wenn die Routine dich erdrückt.
-
Ein Tropfen reicht, und alles Alte fällt ab wie Blätter im Sturm.
-
Hinweis:
-
Wirkung: sofort.
-
Nebenwirkungen: Augen öffnen, Herz vibrieren, Realität wird verhandelbar.
-
Nicht kombinieren mit Gleichgültigkeit oder Unterdrückung.
Der Apotheker legt die Feder weg, klopft das Buch zu. „Vergiss das Rezept nie“, sagt er leise. „Aber halte dich nicht daran wie an Regeln. Es ist nur ein Pfadweiser durch die Nacht, kein Gesetz.“
Du nimmst das Buch, spürst die Seiten warm, vibrierend, lebendig. Die Straßen draußen flüstern, der Regen glänzt wie Herzschimmer auf Asphalt. Du weißt: Das Elixier ist jetzt in dir.
Und irgendwo zwischen Pflaster, Rauch und Musik, zwischen Atem und Herzprall, beginnt die Nacht zu leuchten.
RIEFUNKE
|
|