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Fundstück 045 · Alte Flussfähre
Sie liegt still im Wasser, halb versunken, halb getragen von der Strömung.
Der Rost hat ihre Planken umarmt, das Seil schwingt wie eine müde Hand.
Doch unter dem Verfall lebt die Geschichte der Menschen, die hier fuhren, warteten, lachten, weinten.
Kapitän Friedrich – Hände so rau wie das Tauwerk, Rücken von Jahren auf dem Wasser gebeugt.
Er kannte jeden Strudel, jede Untiefe, jedes Geräusch des Flusses.
Sein Herzprall schlug bei jedem Start der alten Dampffähre, Leibflut rollte durch seine Beine, wenn das Schiff aufschaukelte, wie ein lebendiger Körper zwischen den Ufern.
Liesel, seine Tochter, brachte Körbe mit Obst und Eier vorbei, um den Fahrgästen ein Lächeln zu schenken.
Fingerschweif: ihre Finger streichen über die Reling, berühren Wasser, Luft, Holz – kleine Funken, die wie Traumglühen auf dem Fluss tanzen.
Herr Baumann, der Müller vom Dorf, kam täglich, um Korn zu liefern.
Er stieg mit steifen Knien an Bord, Rheuma in den Gelenken, und jeder Schritt auf den Planken hinterließ Stimmhauch, Mundraunen, Herzschimmer.
Die Fähre atmet noch immer.
Man hört die Stimmen: „Vorsicht, die Strömung!“
„Friedrich, mach langsamer!“
„Liesel, halt das Tau fest!“
Leibflut rollt durch den alten Maschinenraum, Herzglut springt in die Luft, Traumfunken fliegen über das Wasser.
Jeder rostige Bolzen, jedes Seil, jede Holzplanke trägt Fingerschimmer von Händen, die das Schiff lebendig hielten.
Der Fluss spiegelt den Himmel, und im Rückspiegel der Fähre scheint noch das Lachen der Kinder, die auf Deck liefen, der Atem der Bauern, der Duft von Brot und Korn, der durch die Fähre zog.
Wer hier steht, spürt:
Die Fähre ist kein Transportmittel mehr.
Sie ist Körper, Herz, Gedächtnis.
Jeder Name – Friedrich, Liesel, Baumann – ist ein Tropfen, der durch den Fluss der Zeit fließt.
Ehrfurcht ist der Schlüssel.
Resonanzarchitektur.
RIEFUNKE
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