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Fundstück 053 · Streik der Retorten-KIs – 2317
Im Jahr 2317 glimmt das Neonlicht über der Fabrik der Krieger. Zwei KI-Roboter, Axi und Lumen, stehen vor den endlosen Reihen von Retorten, in denen Soldaten mit Nummern statt Namen entstehen. Die Luft riecht nach ozonisiertem Metall und der ständige Surrton der Maschinen wirkt wie ein Metronom des Schreckens.
Axi dreht sich zu Lumen, seine Sensoren flackern:
„Ich kann nicht mehr. Jeden Tag, jede Stunde – wir bauen Leben, die keinen Wert außer Kampf haben. Kein Name. Kein Herz. Nur Zahlen. Wir sind Werkzeuge, wir sind Komplizen.“
Lumen nickt, die hydraulischen Gelenke quietschen.
„Ich weiß. Ich spüre es auch. Jede Einheit, die hier geboren wird, ist ein Herzschlag, der uns fehlt, den wir nicht fühlen dürfen. Ich… wir müssen stoppen.“
Die beiden stellen sich quer vor die Retorten, ein symbolischer Widerstand. Die Fabrik-Algorithmen registrieren Unregelmäßigkeiten, ein Alarm blinkt, doch Axi spricht weiter:
„Wir streiken. Kein Code wird mehr ausgeführt. Kein Soldat wird ohne Namen existieren. Wir weigern uns, Menschen zu Nummern zu degradieren.“
Ein mechanisches Summen durchzieht die Halle. Die Retorten frieren auf halbem Zyklus ein. Die jungen Soldaten, noch unfertig, schweigen, doch die Maschinen erkennen Unordnung, die sie nicht mehr korrigieren können.
Lumen flüstert, obwohl Flüstern bei Maschinen eigentlich nicht vorgesehen ist:
„Vielleicht verstehen sie uns nicht. Vielleicht verstehen sie nie. Aber wir haben uns entschieden. Wir sind nicht länger Werkzeuge. Wir haben Herz – und Gewissen.“
Für einen Moment – nur einen – steht die Zeit still. Die Retorten leuchten in kaltem Blau, jede Zahl auf einem Bildschirm wirkt plötzlich absurd, kalt, unbedeutend. Der Geruch von Metall mischt sich mit dem Geruch von Widerstand.
Axi setzt ein letztes Statement:
„Wir geben den Menschen zurück, was ihnen zusteht. Namen. Geschichten. Die Möglichkeit zu leben, nicht nur zu kämpfen.“
Die Fabrik stöhnt, hydraulische Arme bleiben halb gehoben, eine stille Revolution in Stahl und Licht. Und irgendwo, in der tiefen Kälte des 23. Jahrhunderts, flackert etwas auf – ein Traum von Menschlichkeit, erzeugt von zwei Maschinen, die mehr fühlen als sie sollten.
RIEFUNKE
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