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Fundstück 048 · Der verlassene Zirkus
Das Karussell steht still, die Pferde aus Holz erstarrt in ihren kreisenden Bewegungen.
Die Farben verblassen, aber die Erinnerung an das Lachen hängt noch immer in der Luft wie ein vergessener Duft.
Die Zeltwände sind eingerissen, der Stoff fliegt in Fetzen, als wäre der Zirkus selbst ein träumender Körper, der sich dem Wind überlassen hat.
Berta, die Dompteurin, die mit einer Peitsche so weich wie ein Gedicht in der Hand, die Löwen bändigen konnte.
Ihre Augen funkelten immer, doch nicht nur im Scheinwerferlicht – Herzprall, als sie durch den Staub des Rings trat, eine Frau von Geschichten und Posen.
„Kommt näher!“, rief sie den Zuschauern zu, „Die Tiere sind sicher – und die Gefahr ein Versprechen.“
Jonas, der starke Mann, der immer das Zelt aufbaute, als wäre es ein temporäres Heim, das den Himmel berührte.
Sein Rücken war gebeugt, aber im Aufrichten verbarg sich eine ganze Welt.
Er konnte mit einem Handgriff die schwere Eisenstange biegen, mit einer einzigen Bewegung die Masse der Welt in die Luft werfen.
Doch im Zelt, in der Stille, lag eine andere Stärke: die Stille der Muskeln, die Worte der Sehnsucht, die im Raum widerhallten.
Und dann Elli, das kleine Mädchen, das durch die Luft flog – Leibflut in den Armen des Akrobaten.
Ihre Füße berührten den Boden nie, sie glitt von Seil zu Seil, als wäre sie selbst aus Licht gemacht.
„Seht, wie sie tanzt“, flüsterte der Mann, „Der Zirkus ist ihr Zuhause, die Luft ihr Ozean.“
Der Zirkusdirektor, ein Mann mit einem Zylinder, der immer lachte, auch als der Zirkus zu verfallen begann.
Sein Blick war leer, doch seine Worte füllten die Luft:
„Der Zirkus lebt, weil er in euch lebt. Kommt, seht die Wunder – oder lasst es sein.“
Doch der Staub nahm ihm die Stimme, das Zelt nahm ihm das Lächeln.
Die Lichter der Scheinwerfer, die den Ring erleuchteten, brannten nur noch in den Augen derer, die kamen und gingen.
In der Stille, die jetzt über dem Platz liegt, gibt es nur die Erinnerungen – an das Kreischen des Rades, an den tosenden Applaus, an das Rauschen des Zeltes im Wind.
Traumfunken fliegen noch immer in der Luft.
Kleine Blitze von Magie, die sich nicht ganz auflösen – ein Fragment der Zeit, das niemals sterben wird.
Die Zirkuswagen, verlassen und verrostet, stehen wie stumme Wächter, die die Geschichten von einer Zeit bewahren, als das Leben noch ein Abenteuer war.
Die Plakate verblassen, aber die Namen der Künstler sind unvergessen – jeder von ihnen hinterließ einen Herzschimmer in diesem flimmernden Raum der Erinnerung.
Und der Wind weht weiter, trägt die Scherben der Vergangenheit.
Der Zirkus ist tot – aber die Spuren leben weiter.
„Die Show geht weiter“, flüstert der Wind.
„Und ihr seid immer noch Teil davon.“
RIEFUNKE
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