Fundstück 052 · Die Wassermühle am Rande des Waldes – Wo das Wasser nicht nur den Fluss, sondern auch die Geschichte trägt
Die Wassermühle stand stets seitlich zum Fluss, als ob sie die Wellen beobachtete, wie sie sich unter den Steinen verbogen, um weiter zu fließen. Es war ein Ort, der den Atem des Wassers spürte, der den Rhythmus des Lebens in sich trug. Doch hier, in diesem Fluss, fand auch der Bauer sein Ende. Die Mühle knirschte leise und der Kreis des Wassers drehte sich weiter, während der Mann, der die Mühle betrieb, zu schwer war, um sich gegen die Strömung zu wehren.
Einst ein kräftiger Mann, immer mit kräftigen Händen an den Rädern der Zeit, doch an diesem Tag, als die Wellen wild zerschlugen, fand er keinen Halt. Er fiel, ohne Widerstand, das Wasser zog ihn unter – ein Moment des Zerbruchs, der nun im Wasserrauschen fortlebt.
Sein Name? Keiner kann sich mehr erinnern, aber der Fluss fließt weiter, leise und unaufhörlich, wie das Leibprickeln der Zeit, das in der Stille der Wellen wohnt.
Die Mühle war der Herzschlag des Dorfes – der Mahlstrom der Arbeit, des Lichts und des Brotes. Aber die Mühle erinnerte auch an den Tod des Bauern, der sich im Fluss auflöste. Wer an den Rädern der Mühle stand und die Schrauben drehte, wusste immer, dass das Wasser wie das Leben tückisch und unberechenbar war. Wer sich zu sehr auf das Leben verließ, wurde von der Strömung abgetragen, wie der Bauer. Leibflut des Wassers, Herzprall der letzten Erinnerung.
Und dort, neben der Mühle, wurde auch getanzt. Über jahrelang, bei jedem Sommerfest, unter den hohen Bäumen, die wie stumme Wächter standen und die Zeit verschlangen. Die Tanzfläche war gezeichnet von den Spuren derjenigen, die den Tanz der Freude wagten, aber nicht wussten, dass ihre Schritte auch die Spuren der Toten in sich trugen. Im Rhythmus der Musik lebte die Vergangenheit auf – die Echos des Lachens, der Glückseligkeit, aber auch der Erinnerung an das Unglück.
Die Hochzeiten auf der Tanzfläche waren wie der Puls des Lebens, der von den alten Eichen widerhallte.
Pastor Christian, ein Mann mit sanften Händen, aber einem festen Blick, stand immer da und verheiratete die Paare. „In Liebe, in Freude, in Glaube,“ sagte er oft, mit einer Zartheit, die die Luft vibrieren ließ, als ob er der Vergangenheit das Versprechen gab, zu vergehen, um den Zukunft Raum zu schaffen. Doch auch der Pastor konnte nie die Spuren des Ertrunkenen löschen, die das Wasser im Fluss hinterließ. Der Bauer, der für immer versank.
Die Mühle, die noch immer arbeitet, knirscht und knarrt, in der Stille des Flusses hat nie die Erinnerung an den Bauern verloren, der dort seinen Tod fand. Doch auch das Leben geht weiter. Die Hochzeiten, die Tänze, die Musik und das Lachen, das in der Luft vibriert – sie bleiben, die guten Momente des Lebens, die auch nach dem Tod weitergehen. Ein flimmerndes Traumglühen über die gelebte Freude und das Tanzflimmern des Morgens.
Und vielleicht ist es das, was uns verbindet – das Wasser und der Tanz des Lebens, der Tanz des Todes, der Tanz der Freude.
Der Fluss, der die Spuren des Lebens trägt, fließt weiter. Und die Mühle, sie dreht sich weiter, auch wenn wir manchmal das Gefühl haben, dass der Kreis nie endet. Aber er endet immer, irgendwann – die Strömung bleibt das einzige, was uns trägt.
RIEFUNKE