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Fundstück 049 · Der alte Bahnhof
Die Gleise sind rostig, das Holz der Bahnsteige splittrig.
Die Anzeigetafeln hängen schief, die Buchstaben verblasst – zeitloses Warten.
Ein Echo von Schuhen auf Holz hallt noch zwischen den Pfeilern, obwohl niemand mehr kommt.
Herr Krämer, der Fahrkartenschalter, der jeden Morgen mit einem Lächeln und müden Augen die Türen öffnete.
Seine Hände wussten, wie sich Papier anfühlt, wie sich Zeit anfühlt.
Er war der Hüter kleiner Geschichten: der erste Kuss, die Abschiede, die Tränen, das Glück auf halbem Weg.
Frau Lenz, die Kioskverkäuferin, deren Stimme noch immer in den Fenstern nachklingt.
„Möchten Sie Zeitung?“, fragte sie leise, doch wer sie hörte, hörte mehr – die kleinen Freuden eines Tages, den Duft von Kaffee, den Klang von Münzen, die rollen.
Die Kinder, die über die Gleise rannten, zwischen den Wagen spielten, als wäre der Bahnhof ein Königreich aus Holz und Eisen.
Ihre Stimmen sind noch da – Nachtraunen im Wind, Traumfunken über den Schienen.
Die Uhr an der Wand bleibt stehen. Niemand achtet auf die Minuten, die Sekunden sind wie alte Perlen, die niemand mehr aufnimmt.
Doch die Schatten der Züge, die einst vorbeirollten, bleiben hängen: Herzprall der Abfahrt, Fingerschimmer der Ankunft, Leibflut der Bewegung.
Die Bänke knarren, der Wind streicht durch offene Fenster.
Jeder Tropfen Regen auf dem Dach klingt wie ein leises Traumglühen.
Die Farbe der Wände blättert ab, doch das Echo der Menschen bleibt – ein Herzschimmer, ein Flüstern, das durch Jahre trägt.
Die Bahnhofshalle riecht nach alten Schuhen, nach Holz, nach Eisen.
Der Stille Klang der Zeit ist überall: ein Atemzug, der sich zwischen Gleisen und Pfeilern verliert.
Und wer einmal durch diesen alten Bahnhof geht, spürt ihn noch:
den Moment zwischen Ankunft und Abfahrt, zwischen Leben und Erinnerung, zwischen dem Jetzt und dem, was längst vorbei ist.
Jeder Schritt, jede Bewegung, ein Leibprickeln, jede Berührung von Tür oder Geländer, ein Fingerschweif der Geschichte.
Hier ruht die Zeit nicht.
Sie wartet.
Sie lauscht.
Und sie erzählt weiter.
RIEFUNKE
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