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Fundstück 046 · Verlassene Dorfschule
Staub liegt wie ein sanfter Schleier auf den Bänken.
Die Kreidetafel ist grau vom Alter, doch sie flüstert noch die Namen derer, die hier saßen.
Die Uhr an der Wand tickt nicht mehr, und doch hallt jede Minute vergangener Jahre nach.
Emma, neun Jahre alt, Haare in zwei Zöpfen, saß immer vorn, die Finger im Schoß.
Leibprickeln, Herzflimmer – jedes Mal, wenn die Lehrerin Herr Müller sie rief, zuckte ihr Fingerschweif über die Tischkante.
Traumglühen in ihren Augen, wenn sie eine Geschichte aufschrieb, die nur sie fühlte.
Jakob, elf, der immer schwieg, Herzprall wie ein Trommeln in der Brust, stimmte seine Mundraunen mit den Buchstaben ab.
Seine Füße zappelten unter der Bank – Leibflut rollte, Fingerschimmer über den Boden, als wollte er die Zeit tanzen lassen.
Frau Schneider, die Lehrerin, die Rheuma in den Händen hatte, aber nie die Geduld verlor.
Sie strich über die Tafel, Stimmhauch im Raum, Herzglut in jeder Bewegung.
„Lies laut, Emma. Sprich, Jakob. Fühlt die Wörter, bevor ihr sie denkt.“
Die Wände tragen die Spuren der Kinder: ein eingekerbter Herzschimmer hier, ein Fingerschimmer dort.
Die alten Haken für Mäntel hängen schief, doch sie erinnern an die Reihen von Jacken, die wie kleine Wächter aufpassten.
Der Schulhof draußen ist überwuchert.
Die Schaukel quietscht im Wind – Traumfunken springen über den Asphalt.
Jeder Schritt auf den alten Dielen hallt nach – Leibprall, Herzprickeln, Mundpoesie.
Wer die Schule betritt, spürt:
Hier lebt noch jede Stimme.
Jeder Name – Emma, Jakob, Schneider – ist Tropfen, der in den Raum gefallen ist und nie ganz verschwunden.
Alte Geschichten flüstern, Nachtperlen fallen leise, Traumhauch wirbelt durch die Flure.
Es ist kein leerer Ort.
Es ist ein Körper, ein Herz, ein Gedächtnis.
Ehrfurcht ist der Schlüssel.
Resonanzarchitektur.
RIEFUNKE
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