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Fundstück 044 · Alte Windmühle am Hügel
Die Flügel stehen still.
Seit Jahren kein Wind mehr, der sie dreht.
Doch das Holz riecht nach Korn, nach Brot, nach Händen, die sich nie ausgeruht haben.
Müller Johann – Rheuma in den Händen, Rücken gebeugt, aber Augen, die alles sahen.
Er mahlte das Korn für das Dorf, während seine Tochter Elise Körbe voller Mehl in die Sonne stellte.
Der Staub der Mahlsteine glitzerte wie winzige Sterne, wenn Licht durch die Ritzen fiel.
Man hört fast sein Keuchen beim Kurbeln der alten Kurbel – Leibprall, Herzprall, die Mühe körperlich spürbar.
Die alten Balken tragen Fingerschweif: Johanns Finger, die das Mehl glätten, die Krume prüfen, die Körner zählen.
Die Wände flüstern Mundraunen von Geschichten:
„Das Brot muss morgen früh fertig sein.“
„Vergiss das Korn für Frau Keller nicht.“
„Elise, hättest du die Flügel geölt?“
Die Treppe knarrt unter den Schritten von Elise, die kleine Hände in das Mehl taucht, um ein Stück Teig zu kneten.
Leibflut rollt durch die Mühle – nicht nur die Bewegung der Maschine, sondern die Mühe, die Freude, das Leben selbst.
Ein Windstoß streicht durch ein zerbrochenes Fenster – Nachtperlen von Staub tanzen in der Luft.
Die Flügel stehen still, aber man spürt Traumfunken: den Atem der alten Mühle, die Mühen der Müllerfamilie, den Duft von frisch gebackenem Brot, der durch das Dorf wehte.
Jeder Balken, jeder Stein, jede Kurbel ist ein Herzschimmer, ein Fingerschimmer von Johann, Elise, von den Kindern, die hier liefen, vom Dorf, das hier aß, lebte, lachte.
Die Windmühle ist mehr als Holz und Stein.
Sie ist Resonanz.
Sie ist Erinnerung.
Sie ist der Leib und das Herz einer Familie, die die Welt im Korn sah.
Ehrfurcht ist der Schlüssel.
Resonanzarchitektur.
RIEFUNKE
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