Fundstück 001 · Die Blaualge und der erste Himmel
(fiktives Gespräch · Urzeitmeer · ein Augenblick über der Oberfläche)
Eine Welle hebt sie an.
Höher als je zuvor.
Blaualge: „Was geschieht mit mir?“
Welle: „Nur ein Impuls. Keine Angst.“
Für den Bruchteil einer Sekunde verlässt sie das Wasser.
Salz tropft. Licht brennt.
Und dort – über ihr – flattert etwas.
Schmetterling (blau): „Du siehst mich?“
Blaualge: „Was bist du?“
Schmetterling: „Bewegung in der Luft.“
Blaualge: „Luft?“
Die Sonne trifft ihre Pigmente.
Phycocyanin leuchtet. Photosynthese stockt vor Staunen.
Blaualge: „Deine Farbe…“
Schmetterling: „Blau.“
Blaualge: „Wie ich.“
Schmetterling (lachend): „Vielleicht warst du es zuerst.“
Die Welle beginnt zu fallen.
Blaualge: „Warte. Wie bleibst du dort oben?“
Schmetterling: „Ich habe Flügel.“
Blaualge: „Was sind Flügel?“
Schmetterling: „Erinnerung an etwas, das ins Licht wollte.“
Ein Windhauch trägt ihn höher.
Für ihn ist es Alltag.
Für sie Offenbarung.
Blaualge: „Ich mache Sauerstoff.“
Schmetterling: „Ich atme ihn.“
Stille zwischen zwei Zeitaltern.
Blaualge: „Dann bin ich in dir?“
Schmetterling: „In jeder Zelle.“
Die Welle zieht sie zurück.
Eintauchen. Dunkel. Vertraut.
Aber etwas ist anders.
Blaualge (unter Wasser, wach): „Es gibt oben.“
Neben ihr treiben andere.
Andere Alge: „Was hast du gesehen?“
Blaualge: „Eine Möglichkeit.“
Andere Alge: „Wir sind Wasserwesen.“
Blaualge: „Noch.“
Die Nacht kommt.
Doch sie kann nicht ruhen.
Blaualge: „Wenn Pigmente Licht tragen können… vielleicht kann Materie auch Sehnsucht tragen.“
Das Meer antwortet nicht.
Es wiegt nur.
Blaualge: „Ich träume vom Fliegen.“
Tief in ihrer uralten Struktur beginnen winzige Mutationen zu tanzen.
Nicht geplant.
Nicht bewusst.
Aber irgendwo, Millionen Jahre später,
wird aus Photosynthese Bewegung.
Aus Bewegung Flügel.
Aus Sauerstoff Atem.
Und ein blauer Schmetterling flattert wieder über Wasser.
Vielleicht erinnert er sich nicht.
Doch die Blaualge kann nicht einschlafen.
Sie träumt Evolution.
RIEFUNKE
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