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Die Unterwasser-Parlamentssitzungen begannen ohne Protokoll, ohne Rednerpulte, ohne Krawatten.
Jeder Abgeordnete schwebte, jeder Tentakel wackelte, jeder Herzschlag war ein Antrag.
„Ich beantrage,“ blubberte ein ehemaliger Minister, der nun ein Tintenfisch-Herz erwählt hatte, „dass alle Seesterne gleiches Stimmrecht bekommen!“
Ein Schwarm Quallen stimmte pulsierend zu, während ein Seepferdchen die Tagesordnung vergaß und stattdessen mit Glitzer funkelte.
Berlin über Wasser spiegelte dieses Chaos wider:
Straßen waren leer, U-Bahnen standen still, in den Cafés sammelten sich nur noch Staub und verlassene Kaffeetassen.
Die Zeit war weich geworden, die Sonne spiegelte sich in Pfützen von Salz- und Tränenwasser.
Doch unter Wasser herrschte das vollkommene Durcheinander: Debatten, die einst Stunden dauerten, explodierten in Minuten zu kaleidoskopischen Symphonien aus Licht, Tentakelbewegungen und Herzschlägen.
Ein ehemaliger Fraktionsvorsitzender schwamm plötzlich quer durchs Plenum, rief:
„Wir brauchen dringend eine Gesetzgebung für Sauerstoffrationen!“
Die Qualle neben ihm pulsierte: „Wir brauchen Liebe, nicht Regeln!“
Ein Seestern trommelte rhythmisch mit seinen Armen – und alle stimmten ab, einfach weil es schön war.
Über Wasser blickte die Putzdame aus dem Reichstagsgebäude:
Sie sah, wie Berlin zerfiel, wie das Chaos sich ausbreitete – und doch war es still, surreal und vollkommen.
Kein Lärm von Politikern, kein Geschrei von Medien, nur das entfernte Plätschern derer, die unter Wasser ihre Liebe und ihr neues Leben fanden.
Und irgendwo, zwischen den Tentakeln, Herzschlägen und Blasen, entstand ein neues Gesetz:
Es war nicht geschrieben, es war gefühlt.
Das Gesetz der Tiefe, der Freiheit, der Gefahr.
Und jeder, der es verstand, wusste: Wer einmal unter Wasser getaucht war, konnte nie wieder nach Berlin zurückkehren – nicht wirklich.
RIEFUNKE
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