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Als die Nachricht sich verbreitete, brach ein ungeheurer Exodus aus:
Bundestagsabgeordnete warfen ihre Reden, Akten und goldenen Uhren in die Luft – und tauchten ab.
Sie schwammen zu den Strömungen, tauchten in Tiefen, wo Qualle, Seepferdchen, Tintenfische warteten.
Jeder fand sein eigenes Meerwesen, jeder fand seine gefährliche, leuchtende Liebe.
In Berlin herrschte Chaos.
Die Debatierräume waren leer. Die Plenarsäle hallten nur noch von Tropfen, die aus undichten Fenstern fielen.
Die Korridore, einst gefüllt mit Macht und Intrigen, wurden von Algen überwuchert.
Der Reichstag verwandelte sich langsam in ein Aquarium, nur die Schreibtische waren noch sichtbar unter einer dünnen Schicht Salzwasser.
Und mittendrin, zwischen verlassenen Ministerbüros und leeren Cafeterien, blieb sie zurück:
Die Putzdame.
Sie schob ihren Wagen durch die Gänge, wischte den Boden, sammelte vergessene Kaffeetassen, während über ihr in der Ferne die Tentakel glitzerten.
Manchmal flüsterte sie zu den Fischen in den Fluren: „Na gut, ihr seid jetzt Politiker. Aber das hier… das hier ist noch mein Reich.“
Berlin war verarmt, still, surreal.
Keine Wahlkampfreden mehr, keine Parlamentsdebatten – nur das leise Plätschern von Wasser, das durch die Ritzen sickerte, und die unerschütterliche Ordnung der Putzfrau, die alles beobachtete.
Und irgendwo tief unten, zwischen Strömungen und Liebesschimmern, wussten die abgetauchten Politiker: Sie hatten alles zurückgelassen – Macht, Geld, Status.
Aber sie hatten auch gefunden, was kein Büro jemals geben konnte: gefährliche, wilde, unberechenbare Liebe.
RIEFUNKE
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