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Die Tomate schwebt nun leicht über dem Schneidebrett, ihre Haut glänzt wie flüssiges Rubinlicht. Die Adern darin pulsieren in rhythmischen Wellen, wie Herzschläge eines Königshauses. Und dann – ein leises, vibrierendes Flüstern, das direkt in Bens Kopf kriecht:
„Ich bin nicht zum Essen da, Sterblicher. Ich bin Königin von Lamiran. Mein Reich beginnt hier, zwischen Olivenöl, Holzbrett und dem Staub deiner Küche.“
Ben stolpert rückwärts, die Gabel fällt klirrend auf den Boden. Das Olivenöl, die kleinen Herzchen auf dem Tisch, wirbelt auf wie Glitzernebel im Wind – eine zeremonielle Begrüßung für ihre Majestät.
Die Tomate hebt sich höher, ein Lichtschein wie Flammenzungen tanzt um sie herum, kleine Fliegen, die versuchen, sie zu berühren, drehen ab wie von unsichtbarer Macht vertrieben. Jede ihrer Bewegungen zieht unsichtbare Linien durch die Luft, und Ben erkennt plötzlich: der Teller ist ein Thron, die Küche ein Portal.
Ein leiser Trommelwirbel kommt von den Olivenöltröpfchen. Sie tanzen, sie wirbeln, sie bilden eine Miniatur-Armee aus Gold und Grün.
Die Tomate spricht wieder, ihre Stimme nun voll und majestätisch:
„Ich dulde keinen Biss. Kein Messer. Kein Hunger. Wer Lamiran essen will, muss zuerst mein Volk ehren.“
Ben, halb fasziniert, halb panisch, nickt. Doch bevor er etwas sagen kann, breitet die Königin ihre imaginären Arme aus, und ein Hauch von Wind – süß wie Minze, scharf wie Zitronengras – weht durch die Küche. Er riecht nach Abenteuer, nach Universen, die er noch nie betreten hat.
Die roten Haar-Gensträhnen in ihr glühen nun wie kleine Feuerketten. Sie verbeugt sich vor dem Olivenöl-Herz auf dem Tisch, das in Resonanz pulsiert.
Und dann, plötzlich, schwebt sie – die Tomate – aus dem Küchenfenster. Ben taumelt, schaut ihr nach, während sie wie eine kleine Sonne über die Dächer der Stadt fliegt, die Königin von Lamiran, auf der Suche nach ihrem Reich, frei, unzerstörbar, unberührbar.
Das Telefon klingelt noch einmal. Diesmal hört Ben – als würde es aus einem anderen Universum kommen – eine Stimme sagen:
„Willkommen im Reich der Königin. Aber sei vorsichtig, Sterblicher: Wer hungrig kommt, wird nur Augen sehen.“
Und die Küche? Sie leuchtet noch lange nach, Herzchen aus Olivenöl glitzern im Licht, als hätten sie das Siegel der Lamiran-Königin bewacht.
RIEFUNKE
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