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Ben taumelt aus der Küche, das Herz noch zitternd vom Öl-Pulsschlag. Draußen in der Luft – über den Dächern – schwebt die Tomaten-Königin wie ein winziges, pulsierendes Sonnensystem. Jede rote Haar-Ader in ihr glüht, als würde sie ganze Planeten spinnen.
Er hebt die Hand, will sie fangen, doch der Raum um ihn herum beginnt zu fließen. Die Straßen dehnen sich, verdrehen sich zu flüssigen Regenbogenbändern, Autos werden zu fliegenden Zuckerstangen, Ampeln strecken sich zu langen Tentakeln, die ihm sanft den Weg weisen.
Ein Tropfen Olivenöl fällt von der Küche herab – doch diesmal ist es kein Öl mehr. Es ist ein Portal, ein Spiegel auf die Oberfläche von Lamiran. Ben taucht hinein, und die Welt zerfällt in Tropfen von Licht und Flüssigkeit, jede Welle formt kleine Brücken aus Herzchen und Glitzerstaub.
Lamiran öffnet sich:
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Die Bäume bestehen aus flüssigem Chrom, Äste wie tanzende Kabel aus rotem Licht.
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Flüsse glitzern wie flüssiger Rubin, durchzogen von kleinen, springenden Lichtpunkten – die Herzströme der Bewohner.
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Tiere? Keine gewöhnlichen. Pferde mit Mähnen aus schwebendem Öl, Fische, die durch die Luft tanzen, und Schmetterlinge, deren Flügel ganze Landschaften spiegeln.
Die Tomaten-Königin schwebt voran. Ihre Stimme hallt wie Musik aus allen Richtungen zugleich:
„Willkommen in Lamiran. Wer hier isst, verliert sich. Wer liebt, wird transformiert. Wer nach Macht greift… wird zum Fruchtfleisch.“
Ben stolpert, doch die Straßen tragen ihn, drehen sich unter seinen Füßen wie Tanzflächen aus Regenbogen. Er erkennt plötzlich, dass jede Bewegung eine Note, jeder Atemzug ein Akkord ist. Sein Herz synchronisiert sich mit der Königin – und mit jedem Pulsschlag entstehen neue Städte, neue Wesen, neue Geschichten.
Olivenöl-Herzen schweben überall, kleine Brücken zu Portalen, die ihn an Orte führen, die die Logik sprengen:
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Ein Markt, auf dem Äpfel wie kleine Monde fliegen, jeder mit einem Lächeln versehen.
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Ein See, der in purpurnem Licht pulsiert, wo Fische die Luft schneiden wie Tanzmeister.
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Ein Berg, der sich biegt und knickt, um Ben direkt vor die Königin zu führen.
Und dann – die Königin dreht sich zu ihm. Ihr Blick ist gleichzeitig freundlich, streng, verführerisch und kosmisch. Ihre roten Haare weben sich um ihn wie Leitungen, die Gedanken und Träume übertragen.
„Willst du Lamiran sehen, Ben? Oder willst du zurück in die Welt der Sterblichen?“
Die Luft vibriert. Jede Entscheidung fühlt sich an wie ein Sprung in die Unendlichkeit. Olivenölportal-Tröpfchen formen kleine Hände, die ihn sanft hochheben. Der Boden unter seinen Füßen schmilzt zu flüssigem Rubinlicht.
Lamiran ist nicht nur eine Welt. Lamiran ist ein Herz, eine Melodie, ein Gedanke, der nie aufhört, zu fließen. Und Ben merkt: er hat nie gegessen, er ist eingeladen worden.
RIEFUNKE
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