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Titel: Lio und das Rauschen
Lio lag wach. Das Zimmer dunkel, nur der schwache Lichtschein seines Laptops auf dem Schreibtisch. YouTube war geöffnet, er wollte Satie hören, diese zarten, schwebenden Klaviernoten, die ihn sonst in Schlaf wiegten.
Doch die Stille der Nacht wurde plötzlich unterbrochen. Ein Klopfen an seinem Fenster.
Lio setzte sich auf, zögerte. „Wer kann das um diese Stunde sein?“ murmelte er.
Er öffnete das Fenster.
Ein Rauschen strömte hinein, wie tausend Wasserfälle gleichzeitig, wie Blätter, die sich zu Wind und Sturm vereinen. Das Rauschen füllte den Raum, umfing Lio, als hätte das Universum beschlossen, persönlich zu ihm zu sprechen.
Und dann… aus dem Rauschen formte sich eine Stimme.
„Lio… du schläfst nicht, weil du suchst. Du suchst nicht Ruhe. Du suchst… das Ungehörte, das Ungesehene, das Unmögliche.“
Das Rauschen vibrierte durch seine Brust, durch die Luft, durch die Zeit selbst. Lio spürte die Worte, bevor er sie verstand.
„Komm hinaus…“ flüsterte die Stimme. „Sieh, was zwischen den Klängen liegt, zwischen den Tönen von Satie, zwischen den Schatten deines Zimmers. Alles, was du bisher für Nacht gehalten hast… ist nur das Vorspiel.“
Lio zögerte, das Herz pochte. Er wollte fragen, wer da spricht. Doch bevor er konnte, verschmolz das Rauschen mit der Luft, mit den Klaviernoten, mit seinem Atem. Und Lio verstand: Die Nacht war lebendig. Sie wartete auf ihn.
RIEFUNKE
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