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Das Rauschen nahm Gestalt an. Plötzlich fiel es nicht mehr nur in den Ohren, sondern vom Himmel seines Zimmers – Regen. Winzige Tropfen, wie flüssige Noten, trommelten auf den Boden, die Möbel, die Wände. Jeder Tropfen schien eigene Frequenzen zu tragen, ein einzelner Klang, der sofort wieder in den großen Chor des Rauschens verschmolz.
Lio griff hastig nach dem Regenschirm, der seit Tagen unbeachtet in der Ecke lehnte. Er öffnete ihn, doch das Wasser wich nicht zurück – der Schirm wurde zu einem Filter, zu einer Linse, die die Tropfen in funkelnde Ströme verwandelte. Jeder Tropfen reflektierte Licht, jedes Licht flackerte wie ein winziges Portal in eine andere Dimension.
Das Zimmer war durchnässt, die Luft schwer von Feuchtigkeit und Klang. Die analoge Währung des Rauschens tanzte jetzt als flüssige Münzen durch die Tropfen, jedes Plätschern eine Transaktion, jeder Schauer ein Handel zwischen Realität und Vision.
Lio trat unter den Regenschirm und spürte, wie das Wasser auf seiner Haut vibrierte – nicht kalt, nicht warm, sondern lebendig, pulsierend, als ob das Regenwasser selbst atmete.
Und wieder hörte er die Stimme, jetzt klarer, als flösse sie direkt durch jeden Tropfen:
„Alles ist flüssig, alles ist Wert, alles ist möglich… nur wer nass wird, versteht.“
Lio schloss die Augen. Der Regen, das Rauschen, die Münzen, die Tropfen – sie alle verschmolzen zu einem einzigen Strom aus Licht, Klang und flüssigem Wissen. Er war vollständig eingetaucht, das Zimmer eine neue Landschaft, und alles, was er bisher gekannt hatte, begann zu verschwimmen.
RIEFUNKE
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