Gerti Staub sitzt in einem Klassenzimmer, das aussieht wie ein Schlachtfeld aus der letzten Physikprüfung. Ihr Stuhl steht schief, ihr Tisch wackelt, und sie hat aus Versehen den Kugelschreiber mit dem Besen verwechselt. Auf dem Tisch liegt eine Flasche Honig, ein verschmierter Taschenrechner und ein Blätterstapel voller Formeln.
Professor Schwarz betritt das Klassenzimmer, schaut sich das Durcheinander an und schüttelt lachend den Kopf.
„Gerti, du hast es wirklich geschafft. Du hast das Chaos zur Kunstform erhoben. Aber heute… heute geht’s um Physik. Und wir haben einen Termin im Labor. Sei bereit, um die Gesetze der Thermodynamik mit deinem Besen zu bändigen!“
Gerti schaut ihn ernst an und nickt mit einem verschwörerischen Lächeln:
„Das Chaos ist mein natürlicher Zustand, Professor. Aber keine Sorge, ich hab’ mir was überlegt!“
Sie zieht ein altes, ausgeblichenes Notizbuch aus der Tasche und schlägt es auf, als wäre es ein heiliges Buch der Entdeckung. Es ist voll von Kritzeleien, Zeichnungen von Besen, Diagrammen und einer erstaunlich detaillierten Liste von „Experimen-zen“, die sie selbst erfunden hat.
„Also, wenn ich das richtig verstehe…“, beginnt sie und zeigt eine ihrer Zeichnungen – es ist eine Mischung aus Atommodell und Staubsauger. „Das Universum kann man wie den Staubsauger meiner Tante betrachten. Alles zieht sich zusammen und saugt Energie an. Doch der Staubsauger hat eine Grenze – er kann nur so viel Staub fressen, bevor er überhitzt. Und wenn das passiert… tadaa! Ein neues Universum entsteht.“
Professor Schwarz schaut mit einer Mischung aus Erstaunen und Belustigung zu.
„Das ist… nun, Gerti, das ist eine ganz neue Sicht auf die Thermodynamik. Aber ich glaube, du hast die erste Formel des Abiturs gefunden!“
„Ja!“, ruft sie und springt auf. „Die Staubformel der Unendlichkeit! Und für den Fall, dass das Experiment misslingt, habe ich immer noch genug Honig, um die Sache zu retten.“
Sie zieht eine kleine Honigflasche aus der Tasche, die sie in der Pause irgendwo im Labor gefunden hat.
Im Labor
Gerti steht vor einer riesigen Thermoskanne, die sie als „Universum“ bezeichnet. Sie hält einen Besen in der Hand, als ob sie den Urknall gerade in eine Ecke kehren wollte. Professor Schwarz schaut sich das Spektakel an und murmelt:
„Gerti, du hast etwas erschaffen, das keinen Sinn ergibt, aber ich kann nicht aufhören, es zu bewundern.“
Gerti beginnt, die Kanne mit einem kräftigen Schwung des Besens zu „bearbeiten“. Plötzlich entsteht ein zischendes Geräusch, und ein Strahl von Licht und Energie schießt aus der Kanne – die ganze Klasse starrt gebannt. Es ist ein perfektes Chaos aus Licht, Luft und Staub.
„Ha! Siehste! Das ist mein Experiment – Staubenergie!“, ruft Gerti triumphierend, als das Licht nachlässt und die Kanne nur noch mit einer sanften, kosmischen Schwingung vibriert.
Professor Schwarz klatscht, etwas benommen, aber beeindruckt:
„Du hast es tatsächlich geschafft… du hast Staub in Energie verwandelt. Das ist… faszinierend. Das ist… die Zukunft!“
Gerti grinst, wischt sich den Staub vom Gesicht und sagt:
„Ich wusste, dass ich ein Naturtalent bin. Und weißt du was, Professor? Wenn ich das Abitur bestanden habe, werde ich das erste kosmische Staubkraftwerk erfinden!“
Abschlussprüfung
Als der große Tag der Abiturprüfung kommt, steht Gerti vor der Tafel, das Herz pocht, der Besen in der Hand, eine Flasche Honig griffbereit.
„Heute ist der Tag!“, ruft sie laut. „Es geht um alles – Mathematik, Chemie, alles, was ich in diesem chaotischen Universum gelernt habe!“
Professor Schwarz nickt anerkennend.
„Du hast den Uniparkplatz erobert, du hast den Thermodynamik-Schlamm überquert, Gerti. Jetzt zeig uns, wie du mit dem Chaos umgehst.“
Gerti atmet tief ein, schaut sich den Prüfungsbogen an – und lächelt dann.
„Chaos? Das kann ich. Ich löse alles mit einem Besen. Oder mit Honig. Oder beidem!“
Mit einem entschlossenen Blick fängt sie an, zu schreiben – der Bleistift fliegt wie ein Zauberstab über das Papier.
Das Ergebnis
Ein paar Wochen später, als die Ergebnisse bekannt gegeben werden, sitzt Gerti Staub in der ersten Reihe der Abiturfeier, ihre Haare zerzaust, ihre Augen glänzen. Sie hält das Abiturzeugnis in den Händen, und als sie aufsteht, um es zu entgegnen, sieht sie, dass sie nicht nur bestanden hat – sie hat mit Auszeichnung abgeschlossen!
Professor Schwarz schaut sie stolz an.
„Gerti… du hast es geschafft. Du bist der lebende Beweis dafür, dass der Weg zum Wissen manchmal der chaotischste ist.“
Gerti grinst. „Und das Beste daran? Ich werde mein erstes Studium im Staub der Physik anfangen. Vielleicht mit ein bisschen Honig und viel Chaos.“
RIEFUNKE