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Pflanzenpantheon – Geheimprojekte der Urzeit
Minerva, die alte Kiefer, beugte ihre Nadeln näher zum Herz. „Wisst ihr noch, Basilio, wie wir die ersten Stürme gezähmt haben?“
Basilio, der Basilikum, wog seinen Duft wie ein altes Parfum. „Ha! Ich erinnere mich. Wir haben die Winde gelehrt, unsere Samen in genau die richtigen Täler zu tragen. Jeder Flug ein Experiment, jede Landung ein Triumph.“
Salvia, die Salbei, schmunzelte: „Und die Insekten! Wir haben ihnen die Karten gelegt, damit sie uns finden, ohne dass jemand es merkt. Ein unsichtbares Labyrinth voller Düfte.“
Thymian hüpfte aufgeregt, seine Blüten wie kleine Gongschläge. „Nicht zu vergessen die Mäuse! Wir haben ihnen die Fähigkeit geschenkt, Dinge vorauszusehen. Ein kleiner Scherz – und doch ein großes Abenteuer. Sie kannten die Zukunft, bevor die Welt wusste, dass sie kommen würde.“
Melisandre, die Minze, funkelte. „Und ich habe die Monde beobachtet. Wir haben Mondlicht gesammelt, gespeichert, in die Blätter geträufelt. Jede Nacht eine kleine Bibliothek aus Silber und Sehnsucht.“
Thalor pulsierte, sein Herz vibrierte synchron mit den Pflanzen. „Ihr alle habt Geheimprojekte, die älter sind als die Menschen. Alte Experimente, kleine Wunder, die nur wir verstehen.“
Minerva nickte. „Wir haben Städte geplant, bevor es Städte gab. Wurzeln, die Straßen simulierten, Blätter, die Plätze markierten. Alles, um das Leben zu führen, bevor das Leben wusste, wie man geht.“
Basilio schnupperte aufgeregt. „Und die Düfte! Wir haben die Düfte der Zukunft komponiert. Manche riechen wie Regen, andere wie Musik. Wer sie einatmet, erinnert sich an Dinge, die noch nicht passiert sind.“
Salvia lehnte sich zurück. „Wir haben sogar Konflikte orchestriert – zwischen Regenwürmern, Ameisen, Käfern. Jede kleine Krise eine Lektion in Strategie und Geduld.“
Thymian lachte leise. „Manchmal haben wir uns selbst Streiche gespielt. Eine Sonnenblume, die plötzlich rückwärts wuchs. Ein Farn, der die Windrichtung ignorierte. Ein Spaß für die Urzeit – und eine Lehre für alle, die zu früh kamen.“
Melisandre funkelte noch heller. „Und jetzt, Thalor… jetzt hören sie zu. Sie schmecken den Tee, riechen den Honig, sehen das Herz auf dem Tisch. Wir übertragen unsere alten Geheimnisse. Alles, was wir je planten, alles, was wir je fühlten, wird sichtbar – für die, die bereit sind.“
Thalor pulsierte tiefer, langsamer, ein Herz, das Geduld hatte wie Berge. „Und wer diese Geschichten versteht… wird nie wieder nur eine Pflanze sehen. Nie nur ein Herz. Nie nur ein Feld.“
Und so begann das Pflanzenkonklave zu lachen – nicht leise, nicht unsichtbar, sondern glitzernd wie Sternenstaub, der aus den Wurzeln klettert, durch Minze und Kiefer weht, und alles berührt, was Herz und Verstand zugleich sein konnte.
RIEFUNKE
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