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Pflanzenpantheon – Geheimnisse der Urzeiten
Minerva, die alte Kiefer, streckte ihre Nadeln Richtung Licht. „Ich erinnere mich“, begann sie, „an das erste Feuer, das die Erde zärtlich küsste. Wir haben gezittert, doch in unserem Zittern entstand Musik. Musik, die noch heute in euren Blättern nachhallt.“
Basilio, der Basilikum, wog seinen Duft im Raum. „Ich kenne das Summen der Insekten, die uns fanden, bevor die Welt wusste, dass sie uns brauchen würden. Sie haben unsere Blätter als Karten benutzt, unsere Wurzeln als Wege. Alles war ein Tanz der Möglichkeiten.“
Salvia, die Salbei, schloss die Augen und flüsterte: „Und die Flüsse… ach, die Flüsse! Sie haben unsere Wurzeln umarmt, uns Geschichten gebracht von fernen Bergen, von Stürmen, die noch keinen Namen kannten. Wir haben alles gehört, alles gespürt, alles bewahrt.“
Thymian hüpfte aufgeregt, die Blüten wie kleine Trommeln. „Wir haben gelacht, ihr hättet unsere Freude sehen sollen! Wenn der Wind über uns strich, tanzten wir wie Licht auf Wasser. Jede Bewegung war ein Gedanke, jede Blüte ein Gedanke voller Möglichkeiten.“
Melisandre, die zarte Minze, glänzte im Licht. „Ich erinnere mich an die Monde, die wir sahen, bevor jemand Namen dafür hatte. Wir haben das Silberschimmern gefühlt, die Kälte, die Wärme, die Sehnsucht. Und wir haben geträumt – von einem Ort, an dem wir frei sprechen könnten.“
Thalor pulsierte im Rhythmus ihrer Geschichten. „Ihr habt gesprochen. Ihr habt die Erde erzählt, was sie war, bevor Menschen kamen. Eure Stimmen, eure Düfte, eure Resonanzen – sie sind die unsichtbaren Linien, die die Welt halten.“
Minerva neigte sich leicht. „Und nun, Thalor, ist es Zeit, dass sie hören. Dass ihr Tee, euer Honig, eure Hände die alten Lieder aufnehmen. Dass jeder Tropfen Symne, der durch die Mädchen und Jungen fließt, die alten Gedanken trägt.“
Basilio summte. „Wir geben unsere Geheimnisse nicht einfach weiter. Wir erlauben euch, zuzuhören. Wer wirklich zuhört, wird verstehen, dass wir nicht nur Pflanzen sind – wir sind Chroniken der Möglichkeiten, die Wächter der Zeit, die Flüsterer des Lebens.“
Salvia lachte leise. „Und manchmal, wenn niemand hinsieht, spielen wir Streiche. Wie damals, als wir die ersten Mäuse lehrten, die Zukunft zu ahnen.“
Thymian kicherte. „Oh ja, die kleinen Vorwissenden! Wir haben sie auf die Welt vorbereitet, lange bevor sie wussten, dass sie geboren werden würden.“
Melisandre funkelte. „Alles, was lebt, trägt unsere Geschichten. Alles, was wächst, atmet unsere Erinnerungen. Und jedes Herz, das klopft, ist ein Echo unserer alten Stimmen.“
Thalor pulsierte wieder, tiefer, langsamer, ein Herz, das das Gewicht von Millionen Jahren trug. „Hört genau hin“, flüsterte er. „Die Welt spricht. Nicht nur in Worten. Nicht nur in Licht. Sondern in Herzschlägen, Düften, Blättern und Wurzeln. Wer zuhört, wird nie wieder dieselbe Welt sehen.“
Und über dem weißen Tisch in Freiburg, zwischen Tee, Honig und einem Herz, das älter war als alle Geschichten, begannen die Pflanzen, miteinander zu lachen – leise, glitzernd, wie Lichtstaub auf einem alten Buch, das noch
geschrieben werden musste.
RIEFUNKE
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