Post aus Basel · Der Biotechnologe und die Retortenkinder
Ein dicker Umschlag liegt auf dem Schreibtisch des Biotechnologen.
Sein Name prangt oben: „Amt für Kinderunterhalt und ungewöhnliche Familienverhältnisse“.
Er öffnet ihn.
Der Inhalt:
Sehr geehrter Herr Dr. X,
Nach eingehender Prüfung Ihrer Aktivitäten in Freiburg 2 – Kindergarten 3 – und unter Berücksichtigung der Zeugung von 312 Retortenkinder via experimentelle Zellfusion und Blaualgen-Signalwege, werden Sie hiermit verpflichtet:
Alimente für alle Kinder zu leisten, ab sofort und fortlaufend.
Betrag: variable Herzpralle, Traumfunken und monetäre Mittel.
Hinweise:
-
Neodymmagnet bleibt unantastbar.
-
Tropfenworte zählen als immaterielle Werte, dennoch rechtlich bindend.
-
Sämtliche Kinder haben Anspruch auf tägliche Mundpoesie und Fingerschweif.
Mit freundlichen Grüßen,
Amt für ungewöhnliche Lebensentwürfe, Basel
Der Biotechnologe starrt auf die Zeilen.
Sein Herzprall – echt, nicht Laborwert – beschleunigt.
Leibflut rollt durch seine Beine.
„Also … ich soll … was?“ murmelt er.
Er denkt an die Kinder. An die Blaualgen, die Schmetterlinge, an Kindergarten 3, an die 312 Wörter, die überall pulsierten.
Er erkennt:
-
Verantwortung ist jetzt nicht mehr molekular messbar.
-
Bindung ist Realität.
-
Alimente sind Herzpralle, Traumfunken, reale Geldmittel.
Er hebt den Kopf, lächelt:
„Nun gut. Dann fließt alles – Liebe, Wissen, Tropfenworte … und ja, auch Alimente.“
Draußen fliegen Tropfenlicht und Nachtperlen durch die Luft, als ob das Universum selbst zustimmt.
Und irgendwo lachen die Kinder, spüren Herzfunken, stimmraunen ihre kleinen Abenteuer, während der Biotechnologe seinen neuen Vertrag der Verantwortung unterschreibt.
RIEFINKE
|