Das falsche Freiburg
Am Anfang merkt es niemand.
Beide Städte liegen ruhig da.
Gleiche Dächer.
Gleiche Straßenbahnen.
Gleiche Bäckereien mit zu viel Mehl auf dem Tresen.
Doch eines der Freiburgs hat einen Fehler.
Es reagiert.
Wenn jemand sagt:
„Das ist doch Unsinn.“
Fehlt am nächsten Morgen ein Fenster.
Wenn jemand sagt:
„Beweis das.“
Ist ein ganzer Balkon verschwunden.
Wenn jemand lacht und sagt:
„So etwas gibt es nicht.“
Verliert die Stadt eine Kreuzung.
Die Erwachsenen beginnen Tabellen zu führen.
Satellitenbilder.
Messungen.
Podiumsdiskussionen.
Während sie sprechen,
wird das zweite Freiburg dünner.
Nicht unsichtbar.
Nur weniger.
Ein Spielplatz steht plötzlich ohne Schaukel da.
Eine Straße endet im Gras.
Ein Café hat nur noch drei Stühle.
Ein Kind merkt es zuerst.
Es sagt nichts.
Es setzt sich auf den Bordstein
und malt mit Kreide ein Haus.
Einfach so.
Als jemand vorbeigeht und sagt:
„Was soll das denn sein?“
Antwortet das Kind:
„Das ist das Haus, das fehlt.“
Am nächsten Morgen steht es da.
Nicht groß.
Nicht perfekt.
Aber da.
Langsam begreifen es einige.
Das zweite Freiburg
existiert nur im Raum zwischen
Nichtwissen
und Vertrauen.
Je mehr man es festnageln will,
desto schneller löst es sich auf.
Je mehr man es zulässt,
desto dichter wird es.
Der Pastor steht eines Abends
zwischen beiden Städten.
Er hebt nicht die Hand.
Er predigt nicht.
Er sagt nur:
„Vielleicht ist Wahrheit kein Ort.
Vielleicht ist sie eine Haltung.“
Und in dieser Nacht
kehren drei Fenster zurück.
Am Ende bleiben zwei Freiburg.
Eines für alle,
die sicher sein müssen.
Und eines für die,
die offen bleiben.
Die Kinder wechseln mühelos zwischen beiden.
Die Erwachsenen lernen langsam.
Und manchmal,
wenn niemand beweisen will,
blühen in der zweiten Stadt
Blumen,
die es im ersten Freiburg
nie gegeben hat.
RIEFUNKE
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