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Die 23-Stunden-Beichte · Kindergarten 3, Freiburg 2
Die Kinder stehen auf dem Hof.
Vier, fünf, sieben, acht, neun, zehn – und die Retortenkinder dazwischen.
Eine lange Schlange, die sich zieht wie ein Neodymmagnetfeld unter Spannung.
Sie marschieren zu den Kindergärtnerinnen.
Die Erwachsenen staunen: „Was passiert hier?“
Die Kinder wollen nicht, dass der Biotechnologe weiterhin allein die Verantwortung trägt.
Sie wollen Gerechtigkeit, sie wollen Alimente in Tropfenform, sie wollen Tropfenworte in jeder Mahlzeit.
Der Pastor sitzt hinter seinem schweren Holzgitter.
Er trägt eine Brille, die wie zwei kleine Universen leuchtet.
Die Kinder reihen sich vor ihm auf – eine Schlange, die sich in 23 Stunden dehnt, langsamer als Zeit, schneller als Langeweile.
Jedes Kind murmelt etwas:
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Herzfunken: „Er hat die Blaualgen vergessen.“
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Traumglühen: „Wir brauchen mehr Mundraunen.“
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Fingerschweif: „Und die Neodymme für den Pausenhof.“
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Herzprall: „Wir bestehen auf Leibflut im Morgenkreis.“
Der Pastor nickt, notiert, lächelt mysteriös.
Jede Minute eine neue Beichte. Jede Stunde ein neues Tropfenwort.
23 Stunden vergehen.
Die Schlange bewegt sich wie ein Atemzug der Zeit, unaufhaltsam, schillernd, zart wie Stimmhauch.
Am Ende:
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Die Kinder sind zufrieden, aber nur teilweise.
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Die Gärtnerinnen haben Tränen gelacht, als Herzschimmer über den Pausenhof hüpfte.
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Der Biotechnologe? Er weiß jetzt, dass Verantwortung kein Molekül ist, sondern ein Tropfen, der alles bewegt.
Und der Pastor?
Er wispert:
„Ihr Kinder habt mir mehr gezeigt in 23 Stunden als manche Erwachsene in Jahrzehnten. Tropfenworte, Herzfunken, Neodymme … alles ist Beichte und alles ist Geschenk zugleich.“
Die Kinder verlassen den Hof.
Die Schlange zerfällt.
Doch im Wind bleibt etwas zurück: Traumglühen, Leibflut, Herzschimmer – 23 Stunden in der Luft,
schwerelos und unvergesslich.
RIEFUNKE
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