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Zwei im Bauch – Dienstag, 16:00 Uhr
Jeden Dienstag.
Punkt 16:00 Uhr.
Ohne Wecker. Ohne Uhr.
Aber exakt.
Zwilling 1 verstummt mitten im Gedanken an Uniformen.
Zwilling 2 hört auf, innerlich Protestplakate zu malen.
Und dann – gleichzeitig – fallen sie in denselben Traum.
Sie sehen zwei andere Zwillinge.
Weit weg.
In Kanada.
Dort ist Schnee. Atem wird zu kleinen Wolken.
Und zwischen den beiden fremden Zwillingen steht eine Mini-Sanduhr.
Der Sand rieselt.
Langsam.
Goldstaub im kalten Licht.
Kanada-Zwilling 1 dreht die Sanduhr um.
Kanada-Zwilling 2 lacht.
Zur selben Sekunde im Bauch:
Zwilling 1 und 2 spüren ein Kribbeln – kein Niere-Kitzeln diesmal, kein Schokolade-Alarm.
Sondern Zeit.
Zwilling 1 flüstert im Traum:
„Sie spielen mit unserer Zeit.“
Zwilling 2 antwortet:
„Oder wir mit ihrer.“
Der Sand fällt weiter.
Korn für Korn.
Im Bauch pulsiert das Herz der Mama ruhiger.
Draußen ist es Dienstag. 16:00 Uhr.
In Kanada sagt eines der fremden Kinder:
„Wenn der Sand unten ist, träumen sie wieder von uns.“
Und genau in dem Moment läuft das letzte Körnchen durch.
Alle vier Zwillinge – hier und dort –
öffnen gleichzeitig die Augen.
Im Bauch ist es wieder warm und dunkel.
In Kanada kalt und hell.
Zwilling 1 murmelt:
„Nächsten Dienstag wieder.“
Zwilling 2 nickt:
„16:00 Uhr. Nicht früher. Nicht später.“
Und irgendwo zwischen Bauch, Schnee und Mini-Sanduhr
hängt ein unsichtbarer Faden aus Zeit.
Ganz dünn.
Ganz präzise.
Unzerreißbar.
RIEFUNKE
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