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Pazifismus – Teekränzchen im Dämmerlicht
Pastor Wilhelm saß in seinem Büro und starrte auf die Wahlplakate, die seine „Neue Ära des Pazifismus“ versprachen. Aber irgendetwas stimmte nicht. Der Frieden, den er predigte, fühlte sich mehr und mehr wie eine verschobene Perspektive an, wie ein Kaleidoskop, das sich immer weiter in abstrakte Muster verwandelte.
„Vielleicht fehlt mir der… der spezielle Blickwinkel“, murmelte er, während er an einem Becher Kräutertee nippte.
Plötzlich begann der Tee in der Tasse zu blubbern. Es war, als würde der Tee selbst die Worte des Friedens in der Luft tanzen lassen. „Frieden… der ist wie ein Tropfen im Universum, unendlich und doch direkt vor uns“, dachte Wilhelm. Und dann – ein plötzliches Rauschen, ein Kribbeln in den Fingern – er sah das, was er nie zu sehen gewagt hatte.
Seine Büro-Wände begannen sich zu verflüssigen. Der Teppich zog sich zu einem Fluss zusammen, der sanft und ruhig um die Füße seiner Stuhlbeine schlang. „Huh?“, dachte er, als der Fernseher hinter ihm eine Art meditative Lichtshow abspielte – und die Bilder, die er sah, waren nicht die Nachrichten von gestern, sondern die Vorschau auf die Welt, die er sich erträumt hatte.
Plötzlich stand er in einem Garten, der eher wie ein Traum als Realität aussah. Der Himmel pulsierte in rosa und violetten Schattierungen, und das Gras schien in sanften, breiten Wellen zu atmen. Der Duft von Frieden – nein, von Kräutern und frischem Wind – erfüllte seine Lungen. „Willkommen“, hörte er eine Stimme sagen.
Es war ein Obdachloser, der mit einer Kerze in der Hand vor ihm stand. Die Kerze flimmerte und leuchtete in allen Farben des Regenbogens.
„Du suchst den Frieden, Pastor Wilhelm?“ fragte er, „Doch der Frieden ist nicht nur da, wo du ihn siehst. Er ist auch da, wo du dich hineinfallen lässt – in die Tiefe der Gedanken, die du nicht kontrollieren kannst.“
„Die… die Tiefe?“, fragte Wilhelm, der sich jetzt auf einem weichen Teppich aus Licht wiederfand. „Das ist es also…“
„Pazifismus ist die Weite des Geistes, in der du das Jetzt anerkennst. Aber der wahre Frieden… der ist, wenn du die Möglichkeit eines chaotischen Universums mit offenen Armen begrüßt“, sagte der Obdachlose und blies eine Wolke aus feinstem, rosa Nebel in Wilhelms Gesicht.
Plötzlich war der Pastor zurück in seinem Büro, aber alles war anders. Der Raum hatte sich gewandelt, als ob die Zeit selbst einen Atemzug gehalten hatte.
Ein Geräusch. Eine Stimme. „Frieden ist nicht nur das Fehlen von Krieg, sondern die vollkommene Akzeptanz des Chaos, das uns umgibt.“
Die Wände um ihn herum flimmerten und zogen sich zusammen. Der Tee in seiner Tasse sprudelte und explodierte in einem Regen von goldenen Blättern. Pastor Wilhelm fiel auf die Knie, die Augen weit geöffnet.
„Ich verstehe“, flüsterte er. „Frieden ist nicht starr. Frieden ist nicht statisch. Er bewegt sich, er fließt… Wie der Fluss der Zeit.“
Er griff nach dem Teebecher, der nun mit einer blauen Flüssigkeit gefüllt war, die in slow motion nach oben stieg.
„Und du wirst die Veränderung in dir selbst finden, Pastor Wilhelm“, flüsterte der Obdachlose, der mit einem Lächeln verschwamm, als ob er nie da gewesen wäre.
RIEFUNKE
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