Gerti Staub – Die Reise nach Aachen: Schach, Schrott und Kinderwagen
Gerti Staub und Professor Schwarz hatten ihren Opel, das total verwirrte Schrottauto, gepackt – und zwar bis zum Rand mit allerlei „Lebensnotwendigem“. Ein halber Kinderwagen, eine Tüte voller Windeln, ein Berg von Puzzles und – was am wichtigsten war – zwei 1,5 Jahre alte Kinder, die wie kleine Schachmeister im Hintergrund saßen. Sie spielten (oder versuchten es zumindest) ein hartes, ernstes Spiel Schach auf einem selbstgebastelten Brett aus einem alten Pappkarton.
„Machen wir uns auf den Weg, Professor“, sagte Gerti, während sie das Ruder in die Hand nahm und das Auto mit einem kläglichen Ruck zum Leben erweckte. „Nach Aachen, Tante Uta wartet schon mit dem Zwillingswagen – der muss endlich seinen rechtmäßigen Platz finden.“
Der Opel stotterte los, und in der ersten Kurve klingelte der Gurt des Beifahrersitzes wie ein wütender Tinnitus, der versuchte, sich gegen die Geräusche der Motorenklänge durchzusetzen. Die Kinder im Hintergrund brüllten fröhlich „Schach!“ und warfen ein paar Figuren wie Schachpferde umher, ohne wirklich zu wissen, wie man Schach spielte. Sie hatten sich wohl von ihrer Mutter inspirieren lassen, die es ebenfalls gerne als „Strategie des Lebens“ bezeichnete.
„Sieh mal, Gerti, wir müssen den Zwillingswagen endlich loswerden. Es wird Zeit, dass dieser Opel wenigstens noch für etwas gut ist“, sagte Professor Schwarz, der sich angesichts der klapprigen Fahrt nicht wirklich sicher war, ob er dem Kinderwagen oder dem Auto mehr vertraute.
„Keine Sorge, Professor“, sagte Gerti und fuhr so sanft über die Schlaglöcher, als wäre der Opel ein luxuriöser Sedan. „Ich habe das Gefühl, dass das Auto uns noch eine Überraschung bereithält. Vielleicht läuft es ja einfach durch den Himmel und verwandelt sich in ein Flugzeug.“
„Gerti, bitte“, seufzte der Professor. „Du musst dich irgendwann von diesen verrückten Ideen trennen.“
„Ich habe keine verrückten Ideen“, erwiderte sie selbstbewusst, „das ist die wahre Realität. Genau wie unser Kinderwagen. Der hat immerhin zwei Jahre an der Uni ausgehalten, da wird er auch die Reise nach Aachen packen.“
Währenddessen schauten die Kinder weiterhin konzentriert auf das Schachbrett, völlig unbeeindruckt von den wild klappernden Geräuschen des Autos. In diesem Moment, als der Opel mit einem weiteren „WACK“ und „SCHUHL“ die Autobahn betrat, hörte Gerti plötzlich ein seltsames Geräusch.
„Hast du das gehört, Professor?“
„Bitte sag mir, dass es nicht wieder ein neuer Schaden am Auto ist“, murmelte der Professor und blickte mit einem besorgten Blick auf den Rückspiegel.
„Es ist der Zwillingswagen“, sagte Gerti triumphierend. „Er ist aufgewacht!“
Professor Schwarz drehte sich um. Der Kinderwagen – mittlerweile von einem blauen, fleckigen Tuch bedeckt und sichtlich durch die Reise strapaziert – wackelte fröhlich auf der Rückbank. Der Opel schüttelte sich einmal, und mit einem weiteren Quietschen setzten sie ihre Reise fort.
„Es scheint, als ob das Schicksal uns wieder zusammenführt“, sagte Gerti mit einem Schmunzeln.
Die Kinder hatten längst das Schachbrett verlassen und begannen, die Fenster mit den kleinen Händen abzuwischen, als wollten sie der Welt draußen etwas zeigen. In der Ferne funkelte Aachen wie ein leuchtendes Ziel – und der Opel holperte mit seinen letzten Kräften weiter.
„Na dann, auf nach Aachen“, sagte der Professor und zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, wir können alles erreichen – sogar mit einem Opel.“
Gerti blickte auf und nickte entschlossen. „Und vielleicht, nur vielleicht, kommt der Zwillingswagen eines Tages auf den zweiten Platz der Nobelpreise für den ‘besten improvisierten Kinderwagen’.“
Und so rollten sie weiter, der Opel, die Kinder, der abenteuerliche Kinderwagen – und Gerti Staub, die in allem das Potenzial für ein ganz neues Kapitel sah.
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