|
Gerti Staub und das missglückte Kinderwagen-Abenteuer
Gerti und Professor Schwarz standen vor dem Dachboden von Tante Uta, der von den letzten fünfzig Jahren Putzgeschichte gezeichnet war. Staub lag in dicken Schichten, und das Licht durch das Dachfenster schien so vergilbt wie der Rest der Welt, in der Gerti sich zu Hause fühlte.
„Hier ist er!“, rief Gerti triumphierend, als sie den alten Zwillingswagen auf dem staubigen Boden entdeckte. Doch der erste Blick auf das Fahrzeug ließ ihr Herz kurz stocken. Der Wagen hatte nur drei Räder. Drei!
„Hm...“, murmelte Gerti und musterte das Konstrukt. „Na, das erklärt die 80 Euro bei Kleinanzeigen.“
Der Professor, der hinter ihr stand, schnupperte am Luftzug und sah mit schiefem Kopf auf das unvollständige Gefährt. „Gerti, da fehlt doch eindeutig ein Rad. Und deine Tante hat versprochen, das Ersatzrad per Post zu schicken?“
Gerti schnaubte. „Klar. Post, genau. Doch ich weiß genau, wie lange Post dauert. Wenn wir jetzt warten, haben wir den Zwillingswagen erst, wenn die Kinder schon mit dem ersten Schulbus fahren.“ Sie drehte sich zu ihm um, ihre Augen funkelten entschlossen.
„Also machen wir’s selbst. Was brauchen wir? Ein Opel-Rad!“
Professor Schwarz blinzelte. „Ein Opel-Rad? Du willst das Rad von unserem Auto abmontieren?“
„Klar!“, antwortete Gerti mit einem Lächeln, das mehr als nur ein bisschen Wahnsinn in sich trug. „Wir haben alles, was wir brauchen. Werkzeug. Und eine gute Portion Cyanoacrylatkleber.“ Sie hielt stolz eine Tube in der Hand, deren Inhalt fast leuchtete.
Der Professor setzte seine Brille ab und schüttelte den Kopf. „Das ist Wahnsinn. Du kannst doch nicht einfach ein Auto-Rad an einen Kinderwagen schrauben.“
Doch Gerti war schon längst dabei. Mit einer Hand wühlte sie in der Werkzeugkiste, während sie mit der anderen einen der Reifen des Opel abmontierte. „Und warum nicht? Es ist wie ein Quantensprung in der Fahrzeugtechnik. Man nennt es... improvisierte Ingenieurskunst“, murmelte sie, als sie das Rad an das Gestell des Kinderwagens hielt.
„Das ist sicher nicht die beste Idee...“, murrte der Professor, doch Gerti war bereits dabei, mit einem entschlossenen Schnipp den Cyanoacrylatkleber auf das Rad und die Achse zu geben.
„Perfekt, Professor. Sieh nur, es hält. Drei Räder plus ein Opel-Rad: Kinderwagen der Zukunft!“ Sie grinste wie ein Kind, das gerade die Welt erobert hatte. „Jetzt fehlt nur noch der erste Testlauf.“
„Was?! Du willst uns jetzt mit diesem zusammengeflickten Wagen spazieren fahren? Das wird ein Desaster!“
„Sicher nicht“, sagte Gerti und nickte stolz. „Der Opel hat uns in die Berge gebracht, warum sollte der Kinderwagen nicht das gleiche leisten?“
Der Professor starrte auf den Kinderwagen, der nun wie ein abenteuerlicher Monstrum mit vier Rädern aussah, eins davon allerdings sichtlich „hochwertiger“ als die anderen. Doch da, mitten in Gertis unaufhaltsamem Optimismus, konnte er nicht anders, als zu grinsen.
„Na gut“, sagte er schließlich, „wenn das so ist, dann machen wir es auf deine Weise.“
Gerti schwang sich auf die Rückbank des Opel, legte das Handschuhfach zu, griff das Steuer, und begann den „Kinderwagen“-Test. Ein leichtes Wackeln – die „falsche“ Stabilität des Opel-Rades ließ das Ganze ein wenig nach links neigen – aber immerhin, er fuhr!
Und da standen sie, die beiden, vor dem alten Opel, der den neuen Kinderwagen zusammenhielt, und wussten: Der wahre Wahnsinn lag nicht nur im Wagen, sondern in der Tatsache, dass sie sich immer noch trauten, ihre verrückten Ideen zu verwirklichen.
Gerti, die alles in Bewegung brachte – und der Professor, der immer wieder staunte, was sie als nächstes anstellte.
RIEFUNKE
|