Das Rohr der Sterne
Astronomen stehen auf der Kuppel, Zeigefinger an den glänzenden Teleskopen. Alle blicken nach oben – oder besser: in ein Rohr, das endlos wirkt, in dem sie glauben, das Universum zu beobachten.
Doch das Rohr lügt.
Alles, was sie sehen, existiert nicht draußen im Kosmos. Es ist schon im Rohr, eingefangen in den geschliffenen Spiegeln, die jeden Lichtstrahl, jede Sternenspur, jede explodierende Supernova inszenieren wie ein Puppenspiel.
Professor Vankern, der Leiter, murmelt: „Jedes Photon, jeder Planet… alles ist hier drinnen. Nicht außerhalb.“
Ein junger Praktikant flüstert: „Aber… dann ist das ganze Universum nur eine Illusion?“
Vankern lächelt. „Genau. Aber eine Illusion, die sich selbst glaubt. Wir sehen die Sterne, wir fühlen die Weite – und niemand merkt, dass alles bereits in der Glasoberfläche liegt.“
Die Sterne im Rohr flackern auf, als wollten sie lachen. Sie bewegen sich nicht nach Gesetzen, sondern nach Absichten. Nach Wünschen. Nach Geschichten, die noch niemand erzählt hat.
Plötzlich beginnt ein kleiner Spiegel im Rohr zu vibrieren. Lichtstrudel wirbeln wie Mini-Wirbelstürme. Etwas, das weder Stern noch Planet ist, formt sich aus den Reflexionen. Ein Wesen? Ein Gedanke? Vielleicht beides.
„Ich bin das, was ihr sucht“, sagt eine Stimme, die aus dem Rohr selbst zu kommen scheint. „Ihr sucht im All – doch alles, was existiert, war immer schon hier.“
Und in diesem Moment beginnen die Astronomen zu zweifeln. Nicht an den Instrumenten. Nicht an der Wissenschaft. Sondern an der Realität selbst.
RIEFUNKE
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