Die Nacht der hundert Sterne
Die Vorbereitungen dauerten sieben Nächte.
Sieben Nächte voller Proben, Berechnungen und unzähliger Atemzüge durch tausende Strohhalme.
Die Ingenieursratten stellten Rampen auf.
Die Bläserratten trainierten ihre präzisesten Puster.
Die Trommelratten entwickelten einen neuen Rhythmus, der durch alle Tunnel gleichzeitig weitergegeben werden konnte.
Als die siebte Nacht kam, wurde es ungewöhnlich still unter der Erde.
Die Königsratte stand auf dem höchsten Punkt der Großen Konzertkammer.
Vor ihr lagen hundert Kisten mit Meteoriten-Reis.
Der Gerichtsschreiber flüsterte:
„Alle Orte sind bereit.“
Die Königsratte nickte.
Dann hob sie den Taktstock.
Tief unter der Erde begann ein Rhythmus zu schlagen.
Dum.
Dum-dum.
Dum.
Der Klang wanderte durch Tunnel, Kanäle und alte Rohrsysteme – bis zu hundert Einsatzorten gleichzeitig.
Die Bläserratten holten Luft.
Und dann…
Pfffft.
Hundert Sternkörner schossen los.
Nicht nach unten.
Nach oben.
Durch Schächte, Mauerrisse und alte Lüftungsrohre.
Am Himmel erschienen plötzlich hundert Lichtspuren, als würde ein Schwarm Sternschnuppen gleichzeitig fallen.
Doch sie fielen nicht.
Sie öffneten.
Türen aus Beton
In verschiedenen Teilen der Welt geschah zur gleichen Zeit etwas Unglaubliches.
Eine versiegelte Stahltür vibrierte kurz – und sprang auf.
Ein verschütteter Tunnel bekam plötzlich einen Riss aus Licht.
Eine alte Betondecke bekam eine Öffnung, durch die frische Luft strömte.
Die Meteoriten-Reiskörner zerstörten nichts.
Sie fanden nur die Schwachstellen der Mauern.
Und dort setzten sie kleine, glühende Sterne hinein.
Die Mauern gaben nach.
Als hätten sie selbst genug davon gehabt, Menschen einzusperren.
Die Rattenpost
Während die Mission lief, arbeitete ein anderes Netzwerk.
Die Rattenpost.
Tausende schnelle Läuferratten bewegten sich durch Tunnel und Kanalröhren. Jede trug kleine Papierstreifen mit Symbolen.
Ein Kreis bedeutete: Mission erfolgreich.
Ein Stern bedeutete: Tür geöffnet.
Drei Linien bedeuteten: Menschen gefunden.
Die Nachrichten liefen durch die Erde schneller als jedes menschliche Telefonnetz.
In der Großen Konzertkammer saß der Gerichtsschreiber mitten in einem wachsenden Stapel von Meldungen.
Er begann zu lächeln.
„Stern.“
„Stern.“
„Stern.“
Immer wieder.
Die Welt wird nervös
Doch auch an der Oberfläche bemerkten die Menschen, dass etwas geschah.
Satelliten registrierten plötzlich seltsame kleine Lichtsignale.
Wissenschaftler diskutierten.
Journalisten stellten Fragen.
Regierungen wurden nervös.
„Was sind diese Lichtspuren?“
„Warum öffnen sich plötzlich versiegelte Anlagen?“
„Und warum berichten überall Kinder von Musik aus der Erde?“
Niemand hatte eine Antwort.
Außer vielleicht Mira.
Das Mädchen saß am Kanaldeckel und hielt das kleine leuchtende Reiskorn in der Hand.
Sie lächelte.
„Ihr macht weiter“, flüsterte sie in die Dunkelheit.
Unter der Erde hörte eine Trommelratte ihre Stimme.
Sie klopfte dreimal.
Dum.
Dum.
Dum.
Das Signal wanderte durch die Tunnel bis zur Königsratte.
Der Gerichtsschreiber brachte die letzte Meldung.
„Alle hundert Sterne gelandet.“
Die Königsratte schloss kurz die Augen.
Dann sagte sie leise:
„Heute hat die Welt gelernt, dass selbst die kleinsten Musiker Mauern öffnen können.“
Und das Orchester begann wieder zu spielen.
Diesmal lauter.
Denn irgendwo da oben hörten jetzt Millionen Menschen zu.
RIEFUNKE
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