Der Tag, an dem Millionen Kinder nach den Ratten rufen
Nach der Nacht der hundert Sterne veränderte sich etwas auf der Welt.
Zuerst ganz leise.
Ein Kind erzählte die Geschichte einem anderen.
Dann noch einem.
Dann einer ganzen Klasse.
Bald geschah etwas Seltsames:
Kinder überall begannen nachts an Fenstern zu stehen und zu lauschen.
Manche legten Brot auf Fensterbänke.
Manche stellten kleine Schüsseln mit Reis hin.
Manche flüsterten einfach in die Dunkelheit:
„Danke, Ratten.“
Die Erwachsenen bemerkten es zunächst kaum. Doch irgendwann merkten sie, dass Millionen Kinder dieselbe Frage stellten:
„Helfen die Ratten wirklich?“
Und überall hörte man nachts wieder dieses leise Geräusch aus den Tiefen der Städte.
Dum.
Dum-dum.
Die Trommelratten antworteten.
Der Versuch der Menschen, das Orchester zu finden
Natürlich wurden auch die neugierigen Erwachsenen aufmerksam.
Wissenschaftler stellten Sensoren auf.
Ingenieure untersuchten Kanalnetze.
Reporter warteten an Kanaldeckeln mit Kameras.
„Wenn dieses Orchester existiert“, sagte ein berühmter Professor, „werden wir es finden.“
Doch jedes Mal, wenn Menschen zu nahe kamen, geschah etwas Merkwürdiges.
Die Musik wanderte einfach weiter.
Die Tunnel, die gestern noch da gewesen waren, schienen plötzlich anders zu verlaufen. Neue Wege tauchten auf, alte verschwanden.
Die Rattenstadt war lebendig.
Sie bewegte sich.
Und so fanden die Menschen nur Spuren:
Das Orchester blieb verborgen.
Die Sternenkörner verändern den Himmel
Doch die größte Veränderung geschah über der Erde.
Die Meteoriten aus Reis, die in den Himmel gestiegen waren, verschwanden nicht einfach.
Sie begannen, ein neues Muster zu bilden.
Nachts konnte man es sehen.
Tausende kleine Lichtpunkte, die langsam ein riesiges Bild formten.
Astronomen rätselten.
Doch Kinder erkannten es sofort.
Es war dieselbe Zeichnung wie zuvor:
eine kleine Ratte
neben mehreren Kindern
und darüber ein Stern.
Mit jeder Nacht wurde das Muster klarer.
Die Menschen gaben ihm schließlich einen Namen:
Die Sternenratsche – das Zeichen des Rattenorchesters.
Die stille Entscheidung der Königsratte
In der Großen Konzertkammer saß die Königsratte auf ihrem alten Trommelthron und betrachtete die neuesten Nachrichten der Rattenpost.
Der Gerichtsschreiber las vor:
„Immer mehr Kinder rufen nach uns.“
Die Königsratte schwieg lange.
Dann sagte sie:
„Gut.“
Die Trommelratten blickten auf.
„Wir werden ihnen antworten.“
Sie hob ihren Taktstock.
„Aber diesmal nicht nur mit Musik.“
Die Ingenieursratten rückten näher.
Die Bläserratten stellten ihre Strohhalme bereit.
Die Königsratte zeichnete einen neuen Plan auf die große Karte.
Nicht hundert Sterne.
Nicht tausend.
Zehntausend.
Ein leises Raunen ging durch die Halle.
„Die nächste Mission“, sagte sie ruhig,
„wird die größte sein, die die Welt je gesehen hat.“
Und tief unter der Erde begann wieder das Glühen der Reiskörner.
Denn irgendwo warteten noch viele Türen darauf, geöffnet zu werden.
RIEFUNKE
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