Das lesende Geräusch
Im hintersten Winkel einer Klosterbibliothek in Frankreich, wo das Licht nur als dünner Streifen durch hohe Fenster fiel, stand ein Buch, das seit zweihundert Jahren niemand mehr geöffnet hatte.
Der Einband war aus dunklem Leder, rissig wie ein ausgetrocknetes Flussbett. Goldene Ornamente schimmerten nur noch, wenn die Sonne sie zufällig traf. Staub lag darauf wie eine zweite Haut.
Eines Abends begann es zu rascheln.
Zuerst war es kaum mehr als ein leises Schaben, als würde Papier sich im Traum bewegen. Dann ein deutliches Knacken, ein winziger Laut zwischen den Seiten. Kein Wind ging durch den Raum. Die Fenster waren geschlossen. Die Mönche schliefen längst.
Im Buch lebte ein Wurm.
Er war nicht groß, kaum länger als ein Fingernagel, blass und geduldig. Zweihundert Jahre hatte er sich durch Pergament gearbeitet. Doch er fraß nicht wahllos. Er hielt inne. Er tastete. Er verweilte.
Manchmal blieb er mitten in einem Satz stehen, als müsste er nachdenken.
Wenn er sich weiterbewegte, klang es wie das Umblättern einer sehr kleinen, sehr entschlossenen Hand. Seite um Seite, Jahr um Jahr.
Das Kloster veränderte sich. Äbte kamen und gingen. Revolutionen rauschten durch das Land. Glocken verstummten, neue Glocken wurden gegossen. Doch das Buch blieb. Und der Wurm las.
Er kannte inzwischen ganze Absätze auswendig – nicht weil er sie verstand, sondern weil er sie durchquert hatte. Seine Gänge zeichneten unsichtbare Kommentare ins Werk, kleine Tunnel unter theologischen Gewissheiten.
Manchmal, tief in der Nacht, klang es, als würde das Buch selbst seufzen.
Ein Novize hörte es eines Winters. Er stand zwischen den Regalen, eine Kerze in der Hand, und lauschte. Wieder dieses Geräusch – leise, rhythmisch, fast konzentriert.
„Wer ist da?“, flüsterte er.
Keine Antwort.
Nur ein kaum hörbares Weiterlesen.
Als der Morgen kam, war alles still. Das Buch stand unbewegt an seinem Platz. Doch wenn man genau hinsah, entdeckte man winzige, präzise Linien im Papier – als hätte jemand Randnotizen von innen geschrieben.
Zweihundert Jahre waren vergangen.
Der Wurm hatte fast das letzte Kapitel erreicht.
Und noch immer klang es manchmal nachts, als würde jemand sehr langsam und sehr gründlich ein Buch studieren, das längst niemand mehr verstand.