Die zweite Erklärung des Rattengerichts
Als die Presserklärung hinaus in die Welt gesendet worden war, versammelte sich Riefunkes Rattenorchester erneut in der großen unterirdischen Halle, die sie aus alten Instrumentenkisten gebaut hatten. Über ihnen tropfte Wasser durch die Ritzen des Bodens, doch niemand achtete darauf.
Die Königsratte stand auf dem Dirigentenpult, den kleinen Taktstock erhoben.
„Die Menschen glauben“, sagte sie ruhig, „dass nur ihre Gerichte zählen. Aber das Rattengericht kennt eine andere Regel: Wer sein Herz verliert, verliert auch sein Leben im Reich der Ratten.“
Ein Rascheln ging durch die Reihen der Musiker. Die Trommelratten klopften leise mit ihren Sticks, die Geigenratten hielten inne.
Der Gerichtsschreiber – eine dünne graue Ratte mit riesiger Brille – entrollte eine lange Papierrolle.
„Gemäß dem neuen Gesetz“, piepste er, „werden jene Menschen, die Kriege führen und dabei Kinder töten, im Reich der Ratten für tot erklärt. Ihre Namen verschwinden aus unseren Chroniken der Lebenden.“
Die Königsratte nickte.
„Nicht aus Hass“, sagte sie. „Sondern weil ein Herz, das Kinder nicht schützt, für uns nicht mehr schlägt.“
98 % des Orchesters erhoben ihre Pfoten zur Zustimmung. Nur wenige junge Ratten sahen noch etwas unsicher aus – doch auch sie verstanden, dass das Gesetz der Ratten nicht aus Macht, sondern aus Schutz für die Schwächsten geboren war.
Die geheimen Meteoritenlager
Währenddessen arbeiteten die Ratten weiter an ihrer seltsamen Entdeckung.
In langen Reihen saßen sie mit Strohhalmen da und pusteten Reiskörner durch die Luft. Jedes Korn, das durch den Halm schoss, verwandelte sich in einen winzigen glühenden Meteoriten.
Die Lager füllten sich schnell.
Säcke um Säcke.
Kilogramm um Kilogramm.
Die Meteoriten-Reiskörner lagen in Holzkisten und funkelten wie kleine Sterne.
Die Ingenieursratten hatten bereits einen Plan entwickelt:
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Einige Meteoriten sollten tiefe Bunker aufbrechen
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andere sollten verschüttete Zugänge freilegen
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wieder andere sollten Signale in den Himmel zeichnen, damit Kinder den Weg nach draußen finden konnten.
„Wir führen keinen Krieg“, erklärte die Königsratte.
„Wir brechen nur die Mauern, hinter denen Hoffnung begraben ist.“
Das Orchester zieht los
In der Nacht brach Riefunkes Rattenorchester auf.
Doch statt Musik trugen sie diesmal:
Die Trommelratten gingen vorneweg und schlugen einen langsamen Rhythmus auf alte Konservendosen.
Dumpf.
Ruhig.
Entschlossen.
Der Klang wanderte durch Tunnel, Kanalrohre und verlassene Keller – bis er schließlich unter den Städten der Menschen widerhallte.
Die Königsratte blickte nach oben, dorthin, wo die Welt der Menschen tobte.
„Erinnert euch“, sagte sie leise zum Orchester.
„Wir sind klein.
Aber auch Sterne sind klein, wenn sie vom Himmel fallen.“
Dann hob sie den Taktstock.
Und tausend Reiskorn-Meteoriten begannen zu glühen.
RIEFUNKE
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