Die erste Meteoritenmission
In der dritten Nacht nach der Verkündung des Rattengesetzes stand das Orchester an einem Ort, den die Menschen längst vergessen hatten. Unter einer zerbrochenen Stadt führte ein alter Tunnel zu einem tiefen Betonbunker.
Die Ratten konnten ihn hören.
Nicht die Maschinen.
Nicht die Soldaten.
Sondern etwas anderes.
Ein leises Klopfen.
Die Königsratte hob eine Pfote. Sofort verstummte das ganze Orchester.
Wieder klopfte es.
Drei kleine Schläge.
Pause.
Dann zwei.
„Kinder“, flüsterte die Geigenratte.
Ein Murmeln ging durch die Reihen.
Der Eingang zum Bunker war von dicken Stahlplatten verschlossen. Für Menschen wäre er kaum zu öffnen gewesen. Doch die Ratten hatten etwas anderes.
Die Meteoriten.
Die Ingenieursratten stellten kleine Holzrampen auf. Dahinter positionierten sich dutzende Bläserratten mit ihren Strohhalmen.
Die Königsratte hob den Taktstock.
„Auf drei.“
Das Orchester hielt den Atem an.
„Eins.“
Die Reis-Meteoriten begannen zu glimmen.
„Zwei.“
Der Tunnel wurde warm wie bei einem Sommergewitter.
„Drei.“
Ein Chor aus tausend kleinen Pustern erfüllte den Tunnel.
Pfffft.
Pfffft.
Pfffft.
Die Reiskörner schossen durch die Luft – und verwandelten sich sofort in glühende Meteoriten. Sie trafen die Stahlplatte nicht mit Gewalt, sondern mit etwas Seltsamerem: mit Hitze, Licht und einem leisen, singenden Ton.
Der Beton begann zu knistern.
Der Stahl vibrierte.
Und plötzlich –
riss die Tür auf.
Nicht explodierend.
Nicht zerstörerisch.
Sondern so, als hätte die Erde selbst beschlossen, sie zu öffnen.
Die Kinder im Bunker
Die Ratten schlichen hinein.
Im Dunkeln saßen fünf Kinder eng beieinander, eingehüllt in Decken. Ihre Augen waren groß vor Angst.
Doch als sie die kleinen Schatten sahen, passierte etwas Unerwartetes.
Eines der Kinder begann zu lachen.
„Ratten!“
Eine Trommelratte trat nach vorne und klopfte vorsichtig auf ihre Dose.
Dum.
Dum-dum.
Die Geigenratte strich über eine Saite aus Draht.
Ein leiser Ton erfüllte den Raum.
Und plötzlich spielte das ganze Orchester.
Nicht laut.
Nicht triumphierend.
Sondern wie ein Schlaflied.
Die Kinder hörten zu.
Langsam verschwand die Angst aus ihren Gesichtern.
Die Königsratte trat vor.
„Der Weg nach draußen ist offen“, sagte sie.
Natürlich konnten die Kinder ihre Sprache nicht verstehen.
Aber sie verstanden die Richtung.
Und so folgten sie den kleinen Musikern durch den Tunnel, Schritt für Schritt, bis sie wieder unter freiem Himmel standen.
Über ihnen funkelten die Sterne.
Die gleichen Sterne, aus denen die Meteoriten-Reiskörner zu stammen schienen.
Die neue Legende
Am nächsten Morgen erzählten die Kinder den Menschen eine unglaubliche Geschichte:
Von einem Orchester aus Ratten.
Von Reis, der zu Sternen wurde.
Von einer Tür, die sich öffnete.
Die Erwachsenen schüttelten den Kopf.
Doch tief unter der Stadt spielte Riefunkes Rattenorchester bereits weiter.
Die Königsratte blickte auf ihre Karte.
Viele Punkte waren noch dunkel.
Viele Bunker noch verschlossen.
Sie hob langsam den Taktstock.
„Musiker“, sagte sie ruhig.
„Die Welt ist groß.“
Die Trommelratten nickten.
Die Bläserratten griffen zu ihren Strohhalmen.
Und irgendwo in der Dunkelheit begann wieder ein leises Glühen.
Die Meteoriten aus Reis waren bereit für die nächste Mission.
RIEFUNKE
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