Der Tag, an dem Menschen die Rattenstadt betreten durften
Lange Zeit war die Stadt der Ratten ein Geheimnis geblieben.
Tunnel, die sich verschoben.
Gänge, die nur Ratten fanden.
Türen, die sich vor Menschen schlossen.
Doch nach der Nacht der zehntausend Sterne geschah etwas Neues.
Die Königsratte rief den Großen Rattenrat zusammen.
Die Trommelratten verstummten.
Die Bläserratten legten ihre Strohhalme beiseite.
Selbst die alten Hafenratten hörten aufmerksam zu.
„Die Kinder haben uns gerufen“, sagte die Königsratte ruhig.
„Und einige von ihnen haben verstanden.“
Der Gerichtsschreiber fragte vorsichtig:
„Sollen wir ihnen zeigen, wo wir leben?“
Die Königsratte dachte lange nach.
Dann nickte sie.
„Nur wenigen. Aber ja.“
Miras Einladung
In derselben Nacht klopfte Mira wieder an den Kanaldeckel.
Klopf.
Klopf-klopf.
Diesmal dauerte die Antwort etwas länger.
Dann hörte sie:
Dum.
Dum-dum.
Dum.
Die Trommelratte erschien im Gitter – und neben ihr stand eine kleine Laterne aus Glas.
Die Ratte stellte sie auf den Boden.
Die Flamme darin war kein Feuer.
Es war ein leuchtendes Reiskorn.
Neben der Laterne lag ein kleines Stück Papier mit einem Symbol:
eine Spirale.
Mira verstand.
Sie hob den Kanaldeckel vorsichtig an.
Darunter führte eine alte Metallleiter hinunter – in einen Tunnel, der vorher nie dort gewesen war.
Sie stieg hinab.
Die große Konzertkammer
Als Mira den Tunnel entlangging, hörte sie Musik.
Leise zuerst.
Dann immer klarer.
Schließlich öffnete sich der Gang zu einem riesigen Raum.
Die Große Konzertkammer.
Überall saßen Ratten mit Instrumenten:
Trommeln aus alten Dosen
Geigen aus Draht
Flöten aus dünnen Rohren
In der Mitte stand die Königsratte auf ihrem Dirigentenpult.
Als Mira eintrat, hörte das Orchester kurz auf.
Tausende kleine Augen blickten sie an.
Die Königsratte trat vor.
Natürlich konnte Mira ihre Worte nicht verstehen.
Doch sie spürte die Bedeutung.
Die Königsratte verbeugte sich leicht.
Dann begann das Orchester zu spielen.
Ein Stück nur für sie.
Die Akademie der Sternenkörner
Nach dem Konzert führte eine Ingenieursratte Mira zu einem anderen Teil der Stadt.
Dort standen lange Tische voller Reis.
Kinderzeichnungen hingen an den Wänden.
Und überall übten junge Ratten mit kleinen Strohhalmen.
Die Ingenieursratte zeigte auf ein Schild.
Darauf war ein Symbol:
ein Reiskorn
und ein Stern.
Dies war die Akademie der Sternenkörner.
Hier lernten junge Ratten:
-
wie man Reiskörner in Meteoriten verwandelt
-
wie man Mauern öffnet, ohne zu zerstören
-
und wie man die Musik der Tunnel versteht
Doch auf einem Tisch lagen auch kleine Strohhalme – in menschlicher Größe.
Mira staunte.
Die Ratten wollten nicht nur lehren.
Sie wollten teilen.
Das Zeitalter der offenen Türen
Als Mira später wieder an die Oberfläche zurückkehrte, nahm sie ein kleines Glas mit einem einzigen leuchtenden Reiskorn mit.
In dieser Nacht blickte sie lange zum Himmel.
Die Sternenratsche leuchtete noch immer.
Unten in der Erde spielte das Orchester weiter.
Doch etwas hatte sich verändert.
Zum ersten Mal arbeiteten
Ratten
Kinder
und Tiere
gemeinsam.
Und irgendwo tief in der Rattenstadt zeichnete die Königsratte bereits eine neue Karte.
Auf dieser Karte gab es keine roten Punkte mehr.
Nur Linien.
Linien, die Tunnel mit Städten verbanden.
Die Zukunft der Erde sollte nicht aus Mauern bestehen.
Sondern aus Wegen.
Die Trommelratten begannen einen neuen Rhythmus.
Langsam.
Hoffnungsvoll.
Ein Rhythmus für eine neue Zeit.
Das Zeitalter der offenen Türen hatte begonnen.
RIEFUNKE
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