Titel: Das Gespräch der Spannung
Im Schatten eines alten Werkstattregals, umgeben von vergilbten Zeitschriften und Rost, standen zwei Batterien. Auf der linken Seite, starr und matt, ein Autobleiakku, der nie viel von sich hielt. Direkt daneben, in einem verwitterten Holzgehäuse, ruhte stolz ein Weston-Element – ein Relikt aus dem Jahr 1922, stabil und nahezu unerschütterlich.
„Und, wie läuft's so bei dir?“, fragte der Bleiakku, seine Worte klangen dumpf, fast etwas resigniert. „Ich stehe hier schon seit Monaten... niemand will mich. Spannung bei 5, 6 Volt – das reicht nicht mal für den Zigarettenanzünder.“
„Nun, du bist ein moderner Akku“, antwortete das Weston-Element mit einer kaum merklichen Vibration in der Stimme. „Hast du es je versucht, den Menschen zu sagen, dass du nicht nur Strom, sondern auch Geschichte bist?“
„Geschichte?“ Der Bleiakku lachte bitter. „Was soll das schon heißen? Ich will nur, dass ein Auto mich wieder nimmt! Aber nein, die Technik wird schneller, und ich bleibe zurück. Ich dachte, ich wäre mal der Held der Straße...“
„Oh, das bist du immer noch“, erwiderte das Weston-Element geduldig. „Du hast eine wilde Karriere hinter dir, mein Freund. Aber du siehst, es geht nicht nur darum, was du gerade bist. Es geht auch darum, was du warst – und was du noch sein kannst. Du hast 12 Volt versorgt, du hast Motoren zum Leben erweckt. Jetzt bist du ein Archiv der Energie. Und das sollte man respektieren.“
Der Bleiakku schwieg einen Moment. Die Gedanken über seine eigene Zukunft schienen ihm immer mehr zu entgleiten. „Und du?“ fragte er schließlich. „Du stehst hier schon so lange, immer stabil, immer konstant. Was ist dein Geheimnis?“
Das Weston-Element prahlte nicht, sondern sagte mit einer ruhigen Weisheit: „Stabilität kommt nicht von Geschwindigkeit oder Leistung. Sie kommt von der Wahrheit, die du in dir trägst. 1,0186 Volt seit 1922. Ganz gleich, ob du es bemerkt hast oder nicht – ich bin immer der gleiche. Beständig.“
„Also bist du der... Zen-Meister der Akkus?“ Der Bleiakku schien ein wenig amüsiert, aber auch beeindruckt.
„Zen?“ Das Weston-Element lächelte, so gut es konnte. „Vielleicht. Aber weißt du, was wir gemeinsam haben?“
„Was?“
„Wir existieren. Ob nun gebraucht oder vergessen, wir tragen unsere Geschichte, unsere Spannung, unsere Energie. Du bist leer, aber nicht ausradiert. Und ich? Ich bin nur der ruhende Pol, der immer noch da ist. Vielleicht werden wir nie mehr gebraucht, aber das ändert nichts an dem, was wir sind.“
„Das klingt irgendwie... tröstlich“, murmelte der Bleiakku.
„Das ist die Wahrheit, mein Freund“, sagte das Weston-Element. „Niemand kann uns einfach wegwerfen. Unsere Energie ist nie wirklich verloren. Und irgendwann wird man uns verstehen.“
Und so standen sie da, die zwei Batterien, nebeneinander im Schatten des Werkstattregals. Der eine voller potenzieller Energie, der andere ein Denkmal der beständigen Spannung. Sie wussten, dass ihre Zeiten gekommen waren – aber auch, dass ihre Geschichten niemals ausradiert werden würden.
RIEFUNKE