Die geheime Sprache der Ratten
Nach der Nacht der hundert Sterne geschah etwas, das niemand erwartet hatte.
Kinder begannen, die Rhythmen der Ratten zu verstehen.
Es begann mit einfachen Mustern.
Dum – bedeutete: „Hallo.“
Dum-dum – bedeutete: „Wir sind hier.“
Dum-dum-dum – bedeutete: „Folgt uns.“
Die Trommelratten hatten diese Signale ursprünglich nur für ihr Orchester erfunden. Doch Kinder besitzen etwas, das viele Erwachsene verloren haben: Geduld beim Zuhören.
Mira war die erste, die die Rhythmen richtig verstand.
Sie saß oft am Kanaldeckel mit einem kleinen Holzlöffel und antwortete vorsichtig:
Klopf.
Klopf-klopf.
Unten im Tunnel hielt eine Trommelratte plötzlich inne.
„Sie antwortet!“
Bald entstanden ganze Gespräche aus Klopfzeichen, leisen Pfeiftönen und kleinen Reislichtern.
So entstand langsam eine neue Sprache.
Die Sprache der Tunnel.
Der große Rat der Tiere
Die Sternenkörner am Himmel hatten jedoch noch andere Zuhörer geweckt.
Nicht nur Menschen.
Auch Tiere.
In einer verlassenen unterirdischen Halle trafen sich eines Nachts ungewöhnliche Besucher:
eine alte Eule aus den Wäldern
ein Fuchs aus den Feldern
eine Katze aus einer Hafenstadt
und sogar eine Schildkröte, die erstaunlich lange unterwegs gewesen war.
Sie alle hatten das Sternenbild gesehen.
Die Eule sprach zuerst.
„Die Welt verändert sich. Die kleinen Musiker haben begonnen.“
Die Katze schnurrte leise.
„Ich jage normalerweise Ratten. Aber diese hier … sind anders.“
Die Königsratte trat nach vorne.
„Wir kämpfen nicht“, sagte sie ruhig. „Wir öffnen nur Türen.“
Der Fuchs nickte langsam.
„Dann helfen wir.“
So entstand der Große Rat der Tiere.
Die Eulen übernahmen die Beobachtung des Himmels.
Die Füchse kannten geheime Wege durch Städte und Felder.
Die Katzen hörten alles, was Menschen flüsterten.
Und die Ratten blieben Meister der Tunnel.
Zum ersten Mal arbeiteten viele Tiere der Erde zusammen.
Die Nacht der zehntausend Sterne
Als der Plan der Königsratte bereit war, wurde die Erde wieder still.
Doch diesmal war es eine andere Stille.
Kinder warteten an Fenstern.
Tiere lauschten in Wäldern.
Selbst einige Erwachsene blickten neugierig in den Himmel.
Tief unter der Erde standen zehntausende Bläserratten bereit.
Vor ihnen lagen Berge von Reis.
Die Königsratte hob den Taktstock.
Der größte Rhythmus begann, den das Orchester je gespielt hatte.
Dum.
Dum.
Dum-dum.
Die Tunnel bebten vor Klang.
Dann kam der Moment.
Ein einziger Atemzug.
Und plötzlich schossen zehntausend glühende Reiskörner in den Himmel.
Der Nachthimmel verwandelte sich in ein Meer aus Licht.
Menschen auf allen Kontinenten sahen es gleichzeitig.
Zehntausend kleine Sterne, die sich bewegten, verbanden und schließlich ein riesiges Muster bildeten.
Diesmal war es größer als alles zuvor.
Ein Kreis aus Sternen.
In der Mitte:
eine kleine Ratte
umgeben von Kindern
und vielen anderen Tieren.
Die Botschaft war klar.
Die Erde gehört allen.
Die Reaktion der Welt
Am nächsten Morgen sprachen alle darüber.
Fernsehen.
Zeitungen.
Wissenschaftler.
Regierungen.
Niemand konnte erklären, woher die Lichter kamen.
Doch Kinder wussten es längst.
Mira klopfte wieder auf ihren Kanaldeckel.
Klopf.
Klopf-klopf.
Von unten antwortete die Trommelratte.
Dum.
Sie wusste, dass die Mission noch lange nicht vorbei war.
Denn die Königsratte hatte bereits eine neue Karte auf dem Tisch ausgerollt.
Darauf waren keine roten Punkte mehr.
Sondern goldene Sterne.
Und neben der Karte stand ein neuer Plan.
Nicht nur Türen öffnen.
Sondern etwas viel Größeres:
Eine Welt bauen, in der niemand mehr eingesperrt werden muss.
Die Trommelratten begannen langsam einen neuen Rhythmus zu spielen.
Ein Rhythmus, der nach Zukunft klang.
RIEFUNKE
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