Zwei Handspiegel im Trödelmarkt
Auf einem wackeligen Tisch in der hintersten Ecke des Trödelmarkts standen zwei Handspiegel.
Der eine hieß Gustav, der andere Liselotte.
Niemand wollte sie kaufen.
Die Käufer gingen vorbei, starrten kurz, zuckten mit den Schultern, weiter.
Gustav räusperte sich – so gut ein Spiegel sich räuspern kann.
„Weißt du…“, begann er leise, „ich habe einmal ein Mädchen gesehen. 112 cm langes Haar. Augen, die TikToker neidisch machen würden.“
Liselotte spiegelte stumm zurück.
„Und jetzt?“, flüsterte sie.
„Jetzt… soll ich weg“, sagte Gustav. „Die Welt ist voller Leid. Alles, was ich zeigen könnte, wird ignoriert. Jeder will nur Glanz ohne Geschichte.“
Liselotte nickte – ihr Glas zitterte leicht.
„Vielleicht ist es unsere Aufgabe, trotzdem zu glänzen. Auch wenn niemand hinsieht.“
Gustav schwieg.
„Vielleicht. Aber niemand hört zu. Niemand betrachtet uns. Wir sind nur Ränder von Spiegelungen. Ein Hauch von Erinnerung in einem Meer von Gleichgültigkeit.“
Und während die Leute am Trödelmarkt vorbeigingen, standen Gustav und Liselotte nebeneinander, zwei stumme Chronisten, die mehr sahen, als irgendein Auge erfassen konnte.
Und irgendwo, zwischen verblasstem Staub und verklebtem Glanz, flüsterte die Welt: „Seht ihr mich noch?“
RIEFUNKE
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