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Zwei Haare im Salon
Auf dem schwarz-weiß gekachelten Boden des Friseursalons „Élégance Capillaire“ lagen zwei Haare nebeneinander.
Das eine hieß Konrad.
Das andere hieß Isolde.
Über ihnen summte der Föhn von Friseurin Madame Colette Dubois, deren Schere präziser arbeitete als ein Schweizer Teilchenbeschleuniger.
Konrad räusperte sich – so gut sich ein Haar eben räuspern kann.
„Rein statistisch betrachtet“, begann er mit trockenem Tonfall, „sind wir keratinisierte Proteinfilamente mit begrenzter Lebensdauer. Unsere Existenz ist thermodynamisch gesehen ein temporärer Zustand zwischen Wachstum und Bodenhaftung.“
Isolde glänzte im Neonlicht.
„Korrekt. Wir bestehen zu etwa 95 % aus Keratin. Tot, aber dennoch Träger biografischer Information. Isotopenanalysen könnten Herkunft, Ernährung, Stresslevel unserer ehemaligen Träger rekonstruieren.“
Konrad seufzte.
„Ich war das letzte graue Haar eines Glatzkopfes. Ein singuläres Phänomen. Eine Anomalie auf einer topografisch kahlen Oberfläche.“
Isolde schwieg respektvoll.
„Er stand an einer Kanone im Krieg“, fuhr Konrad fort. „Dauerstress, Druckwellen, Cortisolspitzen. Oxidativer Stress führte zur Erschöpfung der Melanozyten in meinem Follikel. Die Pigmentproduktion kollabierte. Ich ergraute.“
Isolde nickte langsam.
„Dann verstehe ich, dass du ergrautest. Chronische Belastung beschleunigt den Abbau von Melanin. Studien zeigen, dass Stress tatsächlich reversible und irreversible Farbveränderungen verursachen kann.“
Über ihnen fiel eine blonde Strähne zu Boden und landete weich neben ihnen.
Isolde blickte nach oben.
„Und diese hier?“
Konrad musterte sie nüchtern.
„Vermutlich Influencerin. Hoher Anteil an Hitzeschäden. Glätteisen über 180 Grad Celsius. Keratinstruktur partiell denaturiert.“
„Faszinierend“, sagte Isolde. „Menschen schneiden uns ab, färben uns, verbrennen uns – und glauben dennoch, sie kontrollieren ihr Erscheinungsbild. Dabei sind wir biologische Archive.“
Konrad rollte sich minimal im Luftzug des Föhns.
„Wir sind Chronisten. Wir speichern Krieg, Liebe, Schlafmangel, Diäten, Eitelkeit.“
Isolde lächelte, so gut ein Haar eben lächeln kann.
„Und nun liegen wir hier. Getrennt vom Träger. Frei von Identität.“
Konrad antwortete trocken:
„Nein. Wir sind noch immer Daten.“
Plötzlich kam der Besen von Madame Dubois näher.
Isolde flüsterte:
„Was geschieht jetzt?“
Konrad blieb ruhig.
„Endzustand: Kehrschaufel. Danach Müllcontainer. Danach Zersetzung. Aber unsere Geschichte bleibt. In Proteinketten. In Erinnerung. In Analyse.“
Der Besen strich über die Fliesen.
Noch bevor sie in der Schaufel landeten, sagte Isolde leise:
„Weißt du, Konrad… vielleicht sind wir nicht nur Keratin. Vielleicht sind wir Beweise.“
Konrad antwortete:
„Für was?“
Isolde:
„Dass selbst das Kleinste Spuren von Geschichte trägt.“
Dann wurden sie aufgenommen.
Und über ihnen schnitt Madame Colette Dubois weiter Haare –
als würde sie kleine Kapitel von Biografien in die Welt entlassen.
RIEFUNKE
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