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Die Königsratte und das Flohkarussell
Kurz vor Feierabend schlüpft sie durch die automatische Tür:
eine stattliche, glänzend gefütterte Königsratte.
Nicht irgendeine Ratte.
Eine mit Haltung. Mit Vision. Mit Businessplan.
Die Bankangestellten sind schon im Wochenendmodus, die Monitore flackern müde.
Die Königsratte springt auf einen Drehstuhl, rollt zum Schreibtisch und zieht eine Mappe hervor:
Projekt: Flohkarussell GmbH
Investitionsvolumen: 2 Millionen Euro.
Sicherheiten: „Charisma, Nagerinstinkt und disruptive Energie.“
Bürgschaft: „Die Gemeinschaft – weil alle von Innovation profitieren.“
Sie studiert Zinssätze mit ernster Miene, knabbert an einem Diagramm und murmelt:
„Der Markt unterschätzt das zirkuläre Springtier-Segment massiv.“
Ihr Konzept ist visionär:
Ein riesiges Karussell, auf dem Flöhe im Kreis springen –
nachhaltig, emissionsfrei, rein biologischer Antrieb.
Ein Erlebnispark für die ganze Familie.
Slogan: „Klein springen, groß träumen.“
Im Kreditantrag steht:
„Das Flohkarussell ist systemrelevant.
Sollte es scheitern, verlieren wir nicht nur Momentum,
sondern das Vertrauen in mikroskopische Mobilität.“
Die Reinigungskraft bleibt stehen.
„Und wer soll das finanzieren?“
Die Königsratte richtet ihre Krone aus Büroklammern:
„Die Gemeinschaft. Vision braucht Vertrauen.“
Sie klickt sich durch Tabellen, verschiebt Post-its, markiert Risiken mit dem Wort „temporäre Herausforderung“.
Plötzlich geht das Licht im Großraumbüro aus.
Feierabend.
Im Halbdunkel sitzt sie da, die Mappe unter der Pfote.
Zwei Millionen.
Ein Flohkarussell.
Und die feste Überzeugung, dass Größe nichts mit Maßstab zu tun hat.
Draußen fährt die letzte Straßenbahn vorbei.
Die Königsratte lächelt schmal.
„Morgen“, flüstert sie,
„morgen überzeugen wir sie.“
REFUNKE
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