|
Der Junge, der eine Münze fand
Es war ein grauer Nachmittag in Porta Westfalica, als Emil mit seinem Papa den gewohnten Spaziergang antrat. Die Luft war kühl und der Wind trug den Duft von feuchtem Laub heran. Emils Augen blickten aufmerksam über den Weg, als er mit schnellen Schritten neben seinem Papa herlief.
„Papa, hast du deinen Wanderstock schon gefunden?“ fragte Emil, den Blick stets auf den Boden gerichtet.
„Noch nicht“, antwortete Papa, der mit den Händen in den Taschen etwas abwesend schien. „Wird schon. Wir finden einen.“
Die beiden bogen auf den schmalen Pfad ein, der sich durch den dichten Wald schlängelte. Die Bäume standen eng beieinander und ihre Äste knarrten im Wind. Es war ruhig hier – fast schon zu ruhig. Der Boden war mit feuchtem Moos bedeckt und in der Ferne hörte man das leise Plätschern eines Bachs. Doch Emil wusste, dass dies der perfekte Ort war, um einen guten Wanderstock zu finden.
„Wenn du einen Stock findest, den du magst, dann nehme ich den nächsten“, sagte Papa, als sie den gewundenen Pfad entlanggingen.
Emil nickte, aber seine Gedanken wanderten schon zu anderen Dingen. Vielleicht fand er ja nicht nur einen Stock. Vielleicht fand er etwas anderes, etwas noch viel Aufregenderes.
Und dann, mitten auf dem Pfad, bemerkte er es – zwischen den Wurzeln eines besonders alten Baums. Ein leichter Glanz, der sich vom grauen Boden abhob.
„Papa, schau mal!“, rief Emil und hockte sich sofort hin, um näher zu blicken. Er streckte seine Hand aus und zog vorsichtig einen kleinen Gegenstand aus dem feuchten Erdreich. Es war eine Münze – alt, stark abgenutzt und von grünlichem Schimmer.
Papa trat neugierig näher. „Was hast du da, Emil?“
„Eine Münze!“, sagte der Junge, während er sie sich genauer ansah. Sie war klein, fast von der Größe eines Daumennagels, und trug ein verblasstes Symbol. Es sah aus wie ein Löwe, der auf einem Thron saß, umgeben von Sternen und einer Schrift, die Emil nicht lesen konnte.
„Das ist ja seltsam“, murmelte Papa. „Wo kommt die denn her?“
„Ich weiß nicht“, sagte Emil nachdenklich, „aber sie fühlt sich wichtig an. Als ob sie schon sehr lange hier ist.“
Papa nahm die Münze in die Hand. Der glänzende Überzug war stellenweise abgekratzt, aber sie hatte das Gewicht einer Geschichte, die nicht erzählt worden war. „Vielleicht ist sie sehr alt. Man könnte sie mal untersuchen lassen. Aber... was soll ein Wanderstock mit einer Münze zu tun haben?“
„Vielleicht ist das mein Wanderstock“, sagte Emil leise und grinste. „Eine Münze ist doch wie ein Stock, oder? Ein Schatz, den man aufhebt, wenn man ihn findet. Wer weiß, was sie uns bringen wird.“
Papa lachte, klopfte ihm sanft auf den Kopf und steckte die Münze in seine Tasche. „Na gut, dann schauen wir mal, wo uns die Münze noch hinführt. Aber lass uns trotzdem weiter nach einem richtigen Wanderstock suchen.“
Die beiden setzten ihren Weg fort, und Emil spürte, wie die Münze in Papas Tasche wie ein Geheimnis in der Luft schwebte. Vielleicht war es ja mehr als nur ein zufälliger Fund. Vielleicht war das der Beginn von etwas ganz anderem – einer Geschichte, die vor Tausenden von Jahren begonnen hatte und jetzt mit ihm und Papa weitergeschrieben wurde.
RIEFUNKE
|