Die geheime Stadt der Ratten
Tief unter der Erde, weit unter den Straßen der Menschen, lag ein Ort, von dem kaum jemand wusste.
Die Stadt der Ratten.
Sie war nicht aus Beton gebaut, sondern aus allem, was die Welt verloren hatte: alte Holzstücke, verlassene Instrumente, zerbrochene Uhren, Metallrohre und tausende kleine Lichter aus leuchtenden Glasperlen.
Überall gab es Tunnel.
Tunnel für Musiker.
Tunnel für Ingenieure.
Tunnel für die Meteoritenlager.
Im Zentrum stand die Große Konzertkammer, ein gewaltiger Raum, dessen Wände aus alten Kontrabässen und Trommeln gebaut waren. Wenn irgendwo eine Ratte auf eine Saite trat, vibrierte die ganze Halle wie ein riesiges Instrument.
Hier probte Riefunkes Rattenorchester.
Und hier traf sich auch der Große Rattenrat.
Die Karte der verschlossenen Orte
Eines Tages rollte der Gerichtsschreiber eine neue Karte auf dem großen Tisch aus.
Sie war riesig.
Darauf waren Punkte eingezeichnet – hunderte.
Rote Punkte.
„Was bedeutet das?“ fragte eine junge Flötenratte.
Der Gerichtsschreiber seufzte leise.
„Das sind Orte, an denen Menschen eingeschlossen sind. Bunker. Ruinen. Unterirdische Räume.“
Die Königsratte betrachtete die Karte lange.
Dann nahm sie ein Stück Kreide und zeichnete daneben kleine Sterne.
„Diese Orte“, sagte sie ruhig, „werden wir öffnen.“
Die Ingenieursratten nickten sofort.
Die Meteoritenlager waren inzwischen riesig geworden. Säcke voller Reis lagen bereit, und jede Nacht verwandelten sich neue Körner in kleine glühende Sternkörner.
Das Orchester verstand.
Die Mission würde größer werden.
Sehr viel größer.
Der erste menschliche Verbündete
Doch währenddessen geschah oben auf der Erde etwas Unerwartetes.
Ein Kind hatte die Ratten nicht nur gesehen.
Es hatte zugehört.
Das Mädchen hieß Mira. Sie lebte in einer kleinen Wohnung über einem alten Kanaldeckel. Jede Nacht hörte sie die Musik aus der Tiefe.
Dum.
Dum-dum.
Eines Abends legte sie ein kleines Stück Brot neben den Kanaldeckel.
„Für euch“, flüsterte sie.
In der Nacht kam eine kleine Trommelratte aus dem Gitter geklettert.
Sie nahm das Brot.
Und legte etwas anderes zurück.
Ein einzelnes Reiskorn, das schwach leuchtete.
Am nächsten Morgen sah Mira das Korn und verstand sofort:
Die Ratten arbeiteten nicht gegen die Menschen.
Sie arbeiteten für die Kinder.
Und so wurde Mira die erste menschliche Verbündete des Rattenorchesters.
Der Plan der hundert Sterne
In der nächsten Sitzung des Großen Rattenrates erklärte die Königsratte ihren größten Plan bisher.
„Wir öffnen nicht nur einzelne Türen“, sagte sie.
„Wir öffnen hundert gleichzeitig.“
Ein Raunen ging durch die Halle.
Hundert Missionen.
Hundert Orte.
Hundert Sterne aus Reis.
Die Ingenieursratten berechneten die Flugbahnen der Meteoritenkörner.
Die Trommelratten entwickelten neue Signale.
Die Bläserratten trainierten ihre stärksten Puster.
Und tief in den Lagern begannen tausende Reiskörner gleichzeitig zu glühen.
Die Königsratte blickte in die große Halle voller Musiker.
„Wenn diese hundert Sterne fliegen“, sagte sie leise,
„wird die Welt uns endgültig hören.“
Dann hob sie ihren Taktstock.
Und das größte Konzert der Rattengeschichte begann.
RIEFUNKE
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