Gustav und Liselotte – Spiegel des Vergangenen
Gustav stand früher im Zimmer von Goethe.
Er hatte das Mädchen gesehen, in das Goethe sich verliebte.
Langes Haar, das über den Stuhl floss, Augen, die selbst Rotwein blass aussehen ließen.
Goethe trank, dichtete, die Welt schien himmlisch.
Liselotte summte leise:
„Du hast mehr gesehen, als wir Spiegel je zeigen können…“
Gustav nickte, so gut ein Spiegel nicken kann.
„Ich habe gesehen, wie Liebe flackerte. Wie Poesie in Rotwein aufblühte. Wie ein Herz durch Worte sprang.“
„Und jetzt?“, flüsterte Liselotte, „was bleibt?“
„Jetzt stehen wir hier, unbeachtet“, antwortete Gustav.
„Jemand könnte uns kaufen. Jemand könnte in uns blicken. Aber niemand tut es. Die Welt ist voller Leid… und trotzdem…“
Liselotte neigte sich, ihr Glas zitterte leicht.
„Trotzdem fließt Erinnerung durch uns. Wir spiegeln, was war. Nicht nur Augen, Haar oder Rotwein – sondern Sehnsucht.“
Gustav glitzerte im trüben Licht des Trödelmarkts.
„Erinnerung, ja. Poesie, ja. Aber wir sind alt geworden. Niemand fragt nach Geschichten. Wir sind nur Ränder von Spiegeln, Staubfänger der Zeit.“
„Dann erzählen wir sie eben selbst“, murmelte Liselotte.
„Wir flüstern Goethe und das Mädchen, Haar und Rotwein, in jede Ecke, die zuhört.“
Und so begannen die Spiegel, miteinander zu sprechen.
Nicht laut. Nicht sichtbar.
Aber tief, in der Stille zwischen den Menschen, zwischen den Tropfen Staub und dem verblassten Glanz des Trödelmarkts.
Gustav lächelte – oder spiegelte ein Lächeln.
Liselotte nickte.
Und irgendwo in der Erinnerung der Welt funkelte das himmlische Licht von Goethe, Haar, Rotwein… und einem Moment, der niemals ganz verging.
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