KOHLENSTOFF VS. DIAMANT
Im Schlafzimmer ist es ruhig.
Zu ruhig.
Auf dem Nachttisch liegt etwas, das gleichzeitig alles und nichts ist: Kohlenstoff.
Er atmet.
„Ich bin flexibel“, sagt er. „Ich bin Leben, Bewegung, Möglichkeit.“
Aus der anderen Ecke des Raums antwortet etwas Kaltes.
Diamant.
„Ich bin Struktur. Ich bin endgültig.“
Das Licht im Zimmer beginnt sich anders zu verhalten.
Nicht heller.
Scharfer.
Kohlenstoff lacht leise.
„Du bist nur ich, ohne Mut zur Veränderung.“
Diamant reagiert nicht sofort. Dann:
„Und du bist ich ohne Form.“
Das Bett beginnt zu knistern.
Als würde es nicht wissen, ob es weich bleiben darf oder kristallisieren muss.
Die Luft wird geometrisch.
Tür geht auf.
Dr. Humrath steht da.
Ein Blick aufs Bett.
Ein Blick auf den Nachttisch.
„Schon wieder zwei Zustände derselben Substanz.“
Kohlenstoff und Diamant gleichzeitig:
„Ich bin echter!“
Stille.
Dr. Humrath seufzt.
„Ihr seid identisch.“
Pause.
„Ihr habt nur andere Erinnerungsformen.“
Diamant flackert kurz.
Kohlenstoff wird still.
Dr. Humrath geht einen Schritt ins Zimmer.
„Das hier ist kein Streit.“
Er nimmt einen Stift vom Tisch.
Schreibt etwas in die Luft, als wäre sie Papier.
„Das ist eine Phasenfrage.“
Kohlenstoff wird weicher.
Diamant verliert Kanten.
Beide sprechen leiser:
„Wer von uns bleibt?“
Dr. Humrath schaut sie an.
„Keiner.“
Pause.
„Ihr werdet Temperatur.“
Er geht zur Tür.
Hält kurz an.
„Und das Bett hört auf, sich zu entscheiden.“
Tür zu.
Das Zimmer bleibt.
Nicht fest.
Nicht weich.
Nur möglich.