EILBERICHT – Rattenplenum setzt „Nullpunkt der Verständlichkeit“
Berlin, 09:03 Uhr – Unterhalb des Reichstagsgebäudes hat das Rattenplenum in einer außerordentlichen Sitzung eine Entscheidung getroffen, die Linguisten als „strukturellen Kipppunkt der Sprache“ bezeichnen.
Mit sofortiger Wirkung wird nicht mehr nur ein Wort oder ein Buchstabe reguliert – sondern die Beziehung zwischen Wörtern.
Die neue Regel lautet schlicht:
„Bedeutung entsteht nur noch im Moment ihres Verschwindens.“
Erste Auswirkungen
Bereits Minuten nach Inkrafttreten der Maßnahme berichten Nachrichtenagenturen von auffälligen Effekten:
- Sätze beginnen sich selbst zu korrigieren, bevor sie vollständig ausgesprochen werden
- Protokolle verlieren ihre Verben mitten im Satz
- Politiker:innen sprechen weiter, aber ihre Aussagen werden als „unvollständig erfüllt“ markiert
- Übersetzungssoftware reagiert mit stillen Leerfeldern statt mit Fehlermeldungen
Ein Sprecher aus diplomatischen Kreisen beschreibt die Lage so:
„Wir haben es nicht mehr mit Zensur zu tun. Es ist eher so, als würde Sprache sich selbst verlassen.“
Das Rattenplenum (erneut)
In einer knappen, nicht vollständig aufgezeichneten Mitteilung heißt es:
„Wörter sind zu stabil geworden. Stabilität erzeugt Illusion. Illusion erzeugt Entscheidung. Entscheidung erzeugt Fehler.“
Dann folgt eine Pause in der Überlieferung.
Die Tonspur bricht an genau dem Punkt ab, an dem normalerweise ein Subjekt auftauchen würde.
Die „kleine Justiz“ erweitert ihre Tätigkeit
Beobachter berichten, dass die sogenannte kleine Justiz ihre Methode angepasst hat. Es werden nun nicht mehr Verstöße gegen Worte registriert, sondern gegen mögliche Bedeutungen.
Ein internes Raster soll laut inoffiziellen Quellen folgende Kategorien enthalten:
- erwartete Aussage
- unterbrochene Aussage
- vermutete Aussage
- nicht entstandene Aussage
Eine Quelle formuliert es so:
„Man bestraft nicht mehr das Gesagte. Man beobachtet das, was sich kurz entschieden hat, gesagt zu werden.“
Regierung reagiert vorsichtig
Auf Nachfrage erklärt eine Sprecherin:
„Die Bundesregierung bewertet diese Entwicklungen als literarische oder symbolische Konstruktion. Für reale Verwaltungsprozesse ergeben sich daraus keine unmittelbaren Konsequenzen.“
Dann fügt sie nach einer Pause hinzu:
„Zum jetzigen Zeitpunkt.“
Internationale Reaktion
In sozialen Netzwerken trendet bereits der Begriff:
#NichtGesagteWahrheit
Ein Kommentator schreibt:
„Wenn Sprache sich selbst löscht, bleibt nur noch der Gedanke übrig, der sich nicht traut, Form zu werden.“
Ein anderer antwortet:
„Oder wir sind längst nur noch die Kommentare zu etwas, das sich selbst schreibt.“
Schlussmeldung des Rattenplenums
Die letzte bekannte Übertragung endet mit einem einzelnen Satz:
„Wenn alles gesagt werden kann, verliert das Sagbare seine Richtung.“
Dann:
Stille.
Nicht als Abwesenheit von Sprache.
Sondern als ihr aktiver Zustand.
RIEFUNKE – Tropfen der Verantwortung