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Korsika ist längst kein Ziel mehr. Es ist ein Zustand geworden.
Die Straße hat sich irgendwo hinter der letzten Tankstelle aufgelöst, als hätte Frankreich beschlossen, nicht weiter mitzuspielen. Das Auto steht am Rand eines Feldwegs, der auf keiner Karte existiert. Die Nacht ist dicht, fast übertrieben schwarz, als hätte jemand sie extra für diese Szene gemischt.
Jasmin sitzt auf dem Beifahrersitz, das Handy in der Hand, aber der Akku ist tot. Nicht langsam leer. Endgültig leer. Als hätte selbst die Technik beschlossen, hier nicht mehr vermitteln zu wollen.
„Ich wollte nur Mama anrufen“, sagt sie leise.
Draußen bellt ein Hund.
Oder etwas, das wie ein Hund klingt.
Er steht im Licht der Scheinwerfer, aber das Licht trifft ihn nicht richtig. Seine Augen wirken zu aufmerksam, zu alt, als würden sie etwas erkennen, das nicht mehr in die Gegenwart passt. Für einen Moment sieht es aus, als würde er nicht nur schauen, sondern erinnern.
Jasmin wird still.
„Das ist kein Hund“, sagt sie.
Du willst widersprechen, aber der Satz bleibt irgendwo zwischen Motorhaube und Herz hängen.
Der Wind bewegt das Gras. Oder etwas bewegt es.
Der Hund – oder was auch immer dort steht – macht keinen Schritt näher. Er wartet nur.
Jasmin dreht sich langsam zu dir.
„Das ist mein Vater.“
Ein Moment entsteht, der keine logische Erklärung mehr sucht. Die Welt hat aufgehört, sich zu rechtfertigen.
Der Motor klickt leise im Abkühlen, wie ein müder Zeuge.
Und irgendwo zwischen Korsika, Grenzbeamten, Katalysatoren und leerem Akku wird klar:
Diese Reise hat keine Richtung mehr.
Nur noch Nacht.
RIEFUNKE
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