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OHNE BLUTGRUPPE UND DIE ERSTEN 40 MINUTEN WELTRUHM
Die ersten vierzig Minuten nach der Veröffentlichung waren seltsam.
OHNE BLUTGRUPPE saß vor dem Bildschirm.
Nichts explodierte.
Keine Fernsehteams erschienen vor dem Haus.
Der Bundespräsident rief nicht an.
Auch internationale Plattenfirmen hielten sich bemerkenswert zurück.
Die Welt drehte sich einfach weiter.
Autos fuhren vorbei.
Irgendwo wurde eingekauft.
Irgendwo wurde gestritten.
Irgendwo wurde ein Paket zugestellt.
Und dennoch hatte sich etwas verändert.
Denn die Geschichten waren nun draußen.
Nicht mehr im Kopf.
Nicht mehr zwischen Schrauben und Kabeln.
Nicht mehr zwischen den Einzelteilen des zwölf Euro teuren Trödelmarkt-Keyboards.
Sie waren jetzt Teil der Welt.
OHNE BLUTGRUPPE aktualisierte die Webseite.
Dann noch einmal.
Dann noch einmal.
Es hatte sich nichts verändert.
Trotzdem wurde erneut aktualisiert.
Man weiß ja nie.
Vielleicht wartete irgendwo in Neuseeland bereits ein begeisterter Literaturkritiker.
Vielleicht saß in Kanada ein Musikproduzent vor dem Bildschirm und dachte:
„Endlich. Genau auf diesen Mann mit dem Knoblauch-Lautsprecher habe ich mein ganzes Leben gewartet.“
Nichts dergleichen geschah.
Zumindest noch nicht.
Stattdessen öffnete sich die Küchentür.
Die Ehefrau erschien.
„Und?“
„Alles online.“
„Wie fühlt sich das an?“
OHNE BLUTGRUPPE dachte nach.
„Als hätte ich einen Zettel in eine Flasche gesteckt und ins Meer geworfen.“
Die Ehefrau nickte.
„Das ist Kunst.“
„Oder Wahnsinn.“
„Der Unterschied wird meistens erst später festgestellt.“
Das klang vernünftig.
Dann erinnerte sie an den Sekt im Kühlschrank.
Ein wichtiger Hinweis.
Nicht jede historische Entwicklung benötigt sofort eine wissenschaftliche Einordnung.
Manche benötigen zunächst ein Getränk.
Während die Flasche geöffnet wurde, beschäftigten sich die Kinder mit den wirklich wichtigen Fragen des Lebens.
Badewasser.
Spielzeug.
Schaum.
Abendessen.
Niemand fragte nach Streamingzahlen.
Niemand interessierte sich für Reichweite.
Niemand wollte wissen, ob die Kunstwelt bereits erschüttert worden war.
Die Kinder wollten lediglich wissen, wer zuerst in die Badewanne durfte.
Und vielleicht war genau das die größte Erkenntnis des Tages.
Denn während OHNE BLUTGRUPPE über Musik, Texte, Lautsprecher und digitale Unsterblichkeit nachdachte, lief das Leben ungerührt weiter.
Das Wasser wurde eingelassen.
Teller wurden auf den Tisch gestellt.
Jemand suchte ein Handtuch.
Jemand suchte einen Socken.
Jemand suchte etwas, das vermutlich nie wieder gefunden werden würde.
Und mitten in diesem vollkommen normalen Familienabend existierten plötzlich vier Geschichten im Internet.
OHNE BLUTGRUPPE betrachtete die Webseite.
Dann die Familie.
Dann die Webseite.
Dann die Familie.
Schließlich hob er sein Glas.
Nicht auf Ruhm.
Nicht auf Erfolg.
Nicht auf Klickzahlen.
Sondern auf den unwahrscheinlichen Umstand, dass ein defektes Keyboard vom Trödelmarkt zu all dem geführt hatte.
Die Ehefrau stieß mit ihm an.
Die Kinder planschten.
Das Abendessen wartete.
Und irgendwo in den Tiefen des Internets begann die erste Minute von etwas, das niemand erklären konnte.
Nicht einmal OHNE BLUTGRUPPE.
Vor allem nicht OHNE BLUTGRUPPE.
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