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FRAU KRAUSE UND DIE POLITISCHE KARRIERE VON OHNE BLUTGRUPPE
An einem Donnerstagabend traf ich Frau Krause vor dem Haus.
Ich hatte gerade ihren Mülleimer zur Straße gebracht.
Sie hatte gerade ihren zweiten Weißwein beendet.
Das Kräfteverhältnis war somit ausgeglichen.
„Na“, sagte sie, „wie läuft die Musik?“
„Schwierig.“
„Siehste“, antwortete sie sofort. „Musik ist schwer.“
Dann dachte sie kurz nach.
„Geh lieber in die Politik.“
Ich fragte sie, warum.
„Weil ich dich wählen würde.“
Das war überraschend.
Bisher hatte ich weder ein Parteiprogramm noch politische Erfahrung.
Eigentlich hatte ich nicht einmal einen funktionierenden Lautsprecher.
„Warum ausgerechnet mich?“, fragte ich.
Frau Krause nahm einen weiteren Schluck.
„Du zerlegst wenigstens nur Keyboards. Die meisten Politiker zerlegen ganze Haushalte.“
Ich notierte mir diesen Satz geistig.
Man wusste nie, wann man gute Wahlkampfslogans brauchen würde.
„Aber ich habe doch gar keine Vorkenntnisse.“
Frau Krause winkte ab.
„Vorkenntnisse werden überschätzt.“
Dann begann sie, mir ihre persönliche Theorie über politische Karrieren zu erklären.
Sie erwähnte Annalena Baerbock.
Sie erwähnte mehrere Zeitungsartikel.
Sie erwähnte internationale Diplomatie.
Sie erwähnte Dinge, die nach dem zweiten Glas Weißwein zunehmend komplizierter wurden.
Am Ende ihrer Ausführungen lautete ihre Zusammenfassung:
„Wenn die Politik kompliziert wird, merkt sowieso keiner mehr, wer eigentlich schuld war. In der Musik hört jeder sofort, wenn ein Ton schief ist. Deshalb ist Politik einfacher.“
„Das erscheint mir nicht wissenschaftlich.“
„Wissenschaftlich ist auch dein Lautsprecher mit den drei Löchern nicht.“
Da hatte sie wiederum recht.
Ich erklärte ihr, dass mein Künstlername OHNE BLUTGRUPPE heiße.
Frau Krause nickte.
„Noch besser.“
„Warum?“
„Weil du dann gleichzeitig Musiker und Politiker sein kannst.“
„Wie meinst du das?“
„Ganz einfach. Wenn etwas gut läuft, bist du Künstler. Wenn etwas schiefläuft, behauptest du, es sei ein politisches Konzept.“
Die Sonne ging langsam unter.
Irgendwo bellte ein Hund.
Ein Fahrrad fiel um.
Die Welt blieb erstaunlich unbeeindruckt von den großen Fragen unserer Zeit.
Frau Krause leerte ihr Glas.
„Außerdem“, sagte sie beim Hineingehen, „ein Politiker mit dem Namen OHNE BLUTGRUPPE hätte wenigstens ein Alleinstellungsmerkmal.“
„Und was wäre mein Programm?“
Sie überlegte kurz.
Dann sagte sie:
„Mehr Musik. Weniger Formulare. Kostenlose Blutgruppentests für Künstler.“
Anschließend verschwand sie im Treppenhaus.
Bis heute ist das das vollständigste Regierungsprogramm, das ich je gehört habe.
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