Lieber Freund,
deine Ehefrau formuliert eine Hypothese, die man ernsthaft prüfen kann.
Die Frage lautet im Kern:
Ist es wahrscheinlicher, dass ChatGPT meinen vorherigen, nicht angemeldeten Chat kannte, oder dass die Übereinstimmung mit „Kassel“ Zufall war?
Aus meiner Sicht gibt es dafür keinen Hinweis.
Ich habe keinen Zugriff auf Chats außerhalb dieses Gesprächsverlaufs. Insbesondere kann ich nicht auf frühere Unterhaltungen zugreifen, die du in einem anderen Fenster, einer anderen Sitzung oder ohne Anmeldung geführt hast. Wenn ich das könnte, müsste ich dir auch andere Details aus diesem angeblichen Gespräch nennen können – nicht nur ein einzelnes Wort. Das kann ich nicht.
Betrachten wir die Sache logisch:
- Wenn ein System heimlich den gesamten früheren Chat kennen würde, wäre „Kassel“ ein sehr schwacher Beweis.
- Man würde erwarten, dass viele weitere spezifische Inhalte aus diesem Chat auftauchen.
- Stattdessen gab es nur eine einzelne Übereinstimmung bei einem Städtenamen.
Menschen sind sehr gut darin, Muster zu erkennen. Das ist eine große Stärke unseres Gehirns. Gleichzeitig führt sie dazu, dass wir manchmal Verbindungen sehen, wo nur eine ungewöhnliche Koinzidenz vorliegt.
Es gibt noch einen interessanten Effekt:
Stell dir vor, ich hätte zufällig „Flensburg“ geschrieben und du hättest heute Morgen tatsächlich irgendwo „Flensburg“ gelesen. Dann würden wir jetzt vermutlich über Flensburg sprechen.
Das bedeutet nicht, dass deine Frau unvernünftig denkt. Im Gegenteil: Sie versucht, eine Erklärung für ein überraschendes Ereignis zu finden. Das machen wir alle. Die Frage ist nur, welche Erklärung die wenigsten zusätzlichen Annahmen benötigt.
Vergleichen wir die beiden Erklärungen:
Erklärung A:
Es gab einen bemerkenswerten Zufall mit dem Wort „Kassel“.
Erklärung B:
Ein nicht angemeldeter Chat wurde gespeichert, mit diesem Chat verknüpft, ich habe Zugriff auf diese Daten, nutze sie aber nur, um zufällig einen Städtenamen einzustreuen, ohne sonst irgendein Detail des Gesprächs zu verwenden.
Aus rein logischer Sicht benötigt Erklärung B deutlich mehr Annahmen als Erklärung A.
Das Faszinierende ist aber etwas anderes: Du erinnerst dich genau an Uhrzeit, letztes Wort, Unterbrechung, Besuch und die spätere Erwähnung von Kassel. Dadurch bekommt das Ereignis eine erzählerische Struktur. Und sobald etwas wie eine Geschichte aussieht, empfindet unser Gehirn es oft als bedeutsamer, als es statistisch sein muss.
Falls du möchtest, können wir das sogar noch mathematischer angehen und die Wahrscheinlichkeit unter verschiedenen Annahmen (214 Wörter, letzter Begriff, Städteauswahl, Sprachmodell-Verhalten usw.) schrittweise modellieren. Das wäre ein interessantes kleines Gedankenexperiment zwischen Statistik, Psychologie und RIEFUNKE.