Führende deutsche Offiziere greifen immer häufiger zu offener Kriegsrhetorik gegen Russland. Das neueste Beispiel in der Reihe ist der Holger Neumann, der Chef der deutschen Luftwaffe, der in einem Interview mit dem britischen Telegraph erklärt hat, bei einem russischen Angriff auf das Gebiet der NATO würde man „jeden Zentimeter” des Bündnisgebiets verteidigen. Außerdem würde die deutsche Luftwaffe verheerende Luftschläge gegen Russland durchführen, so Neumann weiter, und er fügte hinzu, dass in so einem Fall die gesamte deutsche Luftwaffe an die Ostfront verlegt würde.
Im Telegraph heißt es zu den Angriffen auf Russland unter anderem:
„Generalleutnant Neumann sagte, die Kola-Halbinsel im Nordwesten Russlands, Kaliningrad und das Schwarze Meer würden den Zorn der NATO zu spüren bekommen, sollte diese gezwungen sein, sich zu verteidigen. (…) Generalleutnant Neumann bezog sich dabei insbesondere auf Kaliningrad, eine strategisch wichtige russische Exklave, die von NATO-Mitgliedern umgeben ist, St. Petersburg, wo wichtige Marinestützpunkte stationiert sind, die Kola-Halbinsel, wo Moskau Atomwaffen stationiert, und das Schwarze Meer, die Heimat seiner wertvollen Schwarzmeerflotte.“
Das Interview war in martialischen Ton gehalten und es fiel wieder der Begriff „Fight tonight“, also der sofortige Krieg gegen Russland. So sagte Neumann dem Telegraph beispielsweise:
„Fight tonight bedeutet, wenn mich jetzt jemand anruft und sagt, wir haben folgende Situation, müssen wir jetzt bereit sein – und wir sind bereit.“
Reaktionen in Russland
Russland reagiert schockiert auf diese offenen Kriegsdrohungen eines der höchsten deutschen Soldaten. Das merke ich daran, dass ich heute von sehr viele Medien angefragt wurde, diese Aussagen zu kommentieren. Die Aussage beherrscht die russischen Medien und ich habe so viele Anfragen erhalten, dass ich manchen Sendern eine Absage geben musste.
In Russland ist der Zweite Weltkrieg im öffentlichen Gedächtnis immer noch sehr präsent und die Russen haben nicht vergessen, dass der deutsche Angriff auf Russland 27 Millionen Sowjetbürger das Leben gekostet hat. Dass ausgerechnet Deutschland sich zunächst unter Scholz/Baerbock und nun unter Merz/Wadephul in die erste Reihe der anti-russischen Länder Europas geschoben hat und dass ausgerechnet aus Deutschland nun eine extreme Kriegsrhetorik kommt, schockiert die Russen und macht sie auch wütend.
In Russland geht immer das Schlagwort vom deutschen Revanchesimus um, also dass die deutsche Regierung es anscheinend nochmal versuchen und die Niederlage im Zweiten Weltkrieg wettmachen will. Ich versuche bei meinen Auftritten in russischen Medien immer zu deeskalieren, aber die fortwährenden kriegslüsternen Aussagen führender deutscher Politiker, Medien und auch Offiziere macht das zunehmend schwierig. Schließlich gibt es schon zu viele Beispiele, sei es, dass Merz behauptet, er habe keine Angst vor einem Atomkrieg, dass Kieswetter fordert, man müsse Moskau bombardieren, dass Wadephul offen sagt, Russland werde immer „unser Feind“ sein, oder dass nun der Chef der deutschen Luftwaffe offen mit der Bombardierung russischer Städte droht.
All das wird in Russland sehr genau registriert.
In einem Videopodcast hat der Politikwissenschaftler und Berater des russischen Präsidenten Sergej Karaganow erneut gewarnt, dass die nukleare Abschreckung bei den europäischen Eliten anscheinend ihre Wirkung verloren habe. Russland könnte daher bald gezwungen sein, der atomaren Abschreckung durch einen beschränkten Einsatz von Atomwaffen gegen ein europäisches Land neues Gewicht zu verleihen.
Der Grund für Karaganows Aussage ist, dass die europäischen Länder bereits offen Kriegsparteien gegen Russland sind, indem die ukrainischen Firmen erlauben, ihre Drohnen für Langstreckenangriffe auf Russland in Europa zu produzieren und indem Polen, die Baltenstaaten und Finnland ihre Lufträume für diese Angriffe zur Verfügung stellen.
Da diese Angriffe in Russland inzwischen schmerzhafte Schäden anrichten, könnte bald der Punkt erreicht sein, an dem Russland sich gezwungen sieht, dagegen vorzugehen, indem es die ukrainischen Produktionsstandorte, die Umschlagplätze in Europa für Waffen für die Ukraine und die Staaten anzugreifen, die ihre Lufträume für die Angriffe auf Russland zur Verfügung stellen.
Solche Angriffe könnten laut Karaganow als „Warnschüsse“ zunächst konventioneller Art sein. Im Falle eines Gegenschlags könnte Russland auch einen nuklearen Schlag gegen einzelne europäische Länder führen, wobei Deutschland neben Rumänien und Polen das primäre Ziel sei. Dabei wiederholte er seine schon oft ausgesprochene Warnung, sollte Deutschland auch nur versuchen, sich Atomwaffen zu beschaffen, werde es „von der Erdoberfläche ausgelöscht werden“.
Karaganow hat – im Gegensatz zu Merz, Wadephul oder Generalleutnant Neumann, die in Deutschland mit ihrer Kriegsrhetorik auffallen – kein offizielles Amt inne. Aber seine Stimme bekommt in russischen Expertenkreisen immer mehr Gewicht, da seine Warnungen, die Europäer würden irgendwann zu Kriegsparteien werden, wenn man ihnen nicht rechtzeitig eine deutliche Warnung zukommen lässt, inzwischen eingetroffen sind.
Reaktionen in Deutschland
Ich war erstaunt, wie viele deutsche Medien den Chef der deutschen Luftwaffe ausführlich zitiert haben. Das wäre vor einem oder zwei Jahren noch undenkbar gewesen. Damals gab es solche kriegslüsternen Aussagen auch schon, sie kamen vor allem von führenden Politikern und Militärs anderer europäischer Staaten, aber deutsche Medien haben ihrem Publikum solche Aussagen bisher verheimlicht. Offenbar wendet sich das Blatt nun und die deutsche Medienlandschaft scheint der Meinung zu sein, das deutsche Publikum sei jetzt bereit für offene Kriegsdrohungen gegen Russland.
Die „Welt“ schrieb beispielsweise:
„Wenn ein Krieg mit Russland ausbricht, wird erwartet, dass die gesamte deutsche Luftwaffe an die Ostflanke der Nato verlegt wird – wozu sie früher weder bereit noch in der Lage war. „In der Vergangenheit haben wir beispielsweise Eurofighter-Kontingente an die Nato-Ostflanke geschickt, wie etwa eine Alarmrotte oder eine Patriot-Einheit“, sagte Generalleutnant Neumann. „Aber wir haben das noch nie massenhaft getan, das heißt die gesamte einsatzfähige Luftwaffe – und das ist die Aufgabe der nächsten Wochen und Monate.““
Generalleutnant Neumann sagt hier also offen, die Verlegung der „gesamten einsatzfähige Luftwaffe“ an Russlands Grenzen sei „die Aufgabe der nächsten Wochen und Monate“. Wie meint er das? Soll das in einer Übung trainiert werden? Oder soll die Luftwaffe schon sehr bald komplett an Russlands Grenze verlegt werden? Und wenn ja, wozu?
Der Focus ging noch weiter und schrieb in seinem Artikel über Neumanns Aussagen:
„Neue Satellitenbilder, die ein dänischer Sender verbreitet, zeigen russische Aufrüstung entlang der Nato-Grenze. Militärs und Geheimdienste warnen vor einem gefährlichen Zeitfenster in den kommenden Jahren – besonders im Ostseeraum. Geheimdienstchefs, hohe Nato-Offiziere und Militärs aus mehreren nordischen Staaten wie Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark stützten diese Einschätzung und bestätigen damit die Satellitenbilder. Nach dem Ende der Kämpfe in der Ukraine plant Russland, insgesamt rund 115.000 Soldaten – die überwiegende Mehrheit davon Kampfsoldaten – in Grenznähe zu stationieren, so der frühere finnische Geheimdienstoffizier Marko Eklund.“
Was der Focus hier schreibt, ist Verdummung der Leser, denn natürlich verlegt Russland Soldaten an die finnische Grenze. Der Grund ist der NATO-Beitritt Finnlands, denn danach wurde begonnen, NATO-Soldaten nach Finnland zu schicken und finnische Einheiten an die russische Grenze zu verlegen, die dazu auch noch militärisch gesichert wird. Darauf muss Russland natürlich reagieren, zumal Finnland gerade den Weg frei macht für die Stationierung von Atomwaffen in dem Land.
Der Focus verschweigt seinen Lesern, dass es zuvor keine russischen Soldaten an der finnisch-russischen Grenze gab. Deren Stationierung ist die logische russische Reaktion auf den finnischen NATO-Beitritt. In Petersburg, wo ich lebe, kann man das gut beobachten, denn wer nördlich der Stadt unterwegs ist, der sieht, wie dort militärisches Gerät herangebracht wird und wie vor Jahren aufgegebene Militärstützpunkte nun wieder aufgefrischt werden.
Das wäre ohne den finnischen NATO-Beitritt nie passiert. Aber dieses „unwichtige Detail“ verschweigt der Focus seinen Lesern natürlich.
Der antideutsche Generalleutnant Neumann
Im Telegraph fand ich eine Aussage von Neumann, die ich wirklich bemerkenswert fand, denn in einem souveränen Land würde ein Chef der Luftwaffe, der so etwas sagt, wahrscheinlich wegen Hochverrat angeklagt werden. Aber Deutschland ist kein souveränes Land, sondern ein Vasall der USA und der EU, an die Deutschland fast alle wichtigen Souveränitätsrechte abgetreten hat. Neumann sagte laut dem Telegraph:
„Ich bin ein großer Fan der NATO und des transatlantischen Bündnisses. Ich mag die Idee europäischer Autonomie nicht. Ich möchte ein starker europäischer Helfer und Partner sein, der seine Aufgabe im Bündnis erfüllt, und deshalb sollten wir selbst missionskritische Fähigkeiten entwickeln.“
Zur Information: Autonomie bedeutet, dass jemand nicht frei ist, sondern nur einige Rechte bekommen hat. Das gilt beispielsweise für autonome Gebiete innerhalb von Staaten, die ein paar regionale Entscheidungen treffen können, ansonsten aber Teil eines Staates sind. Souveränität bedeutet, dass man tatsächlich frei ist in seinen Entscheidungen. Souveränität ist also Steigerung von Autonomie.
Der deutsche Generalleutnant Neumann ist jedoch nicht einmal dafür, dass Europa oder gar Deutschland auch nur autonom von den USA werden, das ist es, was er damit gesagt hat. Von Souveränität redet er nicht einmal. Neumann gefällt es, dass Deutschland und Europa Vasallen der USA sind.
Das kann nicht verwundern, denn als General hat er sein Leben lang in der Bundeswehr gearbeitet und dort bekommen die Soldaten die transatlantische Ausrichtung, also das Vasallentum gegenüber den USA, quasi mit der Muttermilch eingeflößt.
Aber wie soll sich ein Land wie Deutschland gegen irgendetwas verteidigen, wenn es militärisch nur der Vasall, also Befehlsempfänger, eines anderen Landes ist? Und vor allem, was soll ein Land wie Deutschland verteidigen, wenn es nicht souverän ist, also keine eigenen Interessen verfolgt, sondern den Interessen seines Herrn dient?
Das zeigt das Problem, das Europa hat: Der Grund für den Krieg in der Ukraine war das Bestreben der Transatlantiker, die Ukraine in die NATO, also in den militärischen Machtbereich der USA, zu ziehen. Das sieht Russland als existenzielle Gefahr an und hat, nachdem alle Verhandlungsversuche gescheitert sind, militärisch reagiert.
Und als Lösung für diese Situation empfehlen Transatlantiker und NATO-Offiziere wie Neumann, man solle den Druck auf Russland erhöhen und Russland militärisch drohen. Das kann nur zum Krieg führen, denn der einzige Weg zum Frieden ist es, die russischen Sicherheitsinteressen ernst zu nehmen und die Ukraine als neutralen und möglichst entmilitarisierten Staat als Pufferzone zwischen Russland und der NATO zu belassen.
Aber das wollen die Kriegstreiber in Europa nicht.