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Sehr geehrter Herr Oberst,
Ihr Schreiben habe ich erhalten. Ich gestehe: Ich hatte mit vielem gerechnet – mit einer Absage, mit einer Belehrung, vielleicht sogar mit einer Dienstanweisung. Nicht gerechnet hatte ich damit, dass ausgerechnet ein Vertreter einer Organisation, die täglich mit Zahlen, Lagebildern und Einsatzplänen arbeitet, mir bestätigt, dass manche Dinge nicht in Tabellen passen.
Sie nennen das Gewissen ein interessantes Konzept. Ich möchte Ihnen widersprechen: Es ist kein Konzept. Konzepte kann man ändern, optimieren oder abschaffen. Das Gewissen ist eher ein lästiger Besucher, der immer dann auftaucht, wenn alle Entscheidungen bereits getroffen scheinen.
Es fragt nicht nach Effizienz.
Es fragt nicht nach Erfolg.
Es fragt nur: „Ist es richtig?“
Ich verstehe Ihre Welt. Wirklich. Sie besteht aus Verantwortung, Befehlen, Sicherheitsinteressen und der schwierigen Aufgabe, Entscheidungen für andere Menschen treffen zu müssen. Das ist keine einfache Rolle.
Aber vielleicht liegt genau dort der Punkt: Wenn ein System nur noch Menschen braucht, die Befehle ausführen, dann wird es irgendwann vergessen, warum Menschen überhaupt geschützt werden sollen.
Sie schreiben, Ihr Freund am Abzug treffe „die Richtigen“. Ich hoffe sehr, dass dieser Satz ihn nachts schlafen lässt. Nicht, weil ich ihm etwas Böses wünsche, sondern weil ich glaube, dass ein Mensch, der noch über seine Entscheidungen nachdenkt, gefährlich für jede Gleichgültigkeit ist.
Sie erwähnen die letzten zweitausend Jahre. Ja, Menschen haben immer Gründe gefunden, zu kämpfen. Könige, Grenzen, Ideologien, Sicherheit – die Namen wechseln tatsächlich.
Vielleicht wäre es an der Zeit, auch einmal etwas anderes auszuprobieren:
Nicht die perfekte Begründung für den nächsten Konflikt zu finden, sondern den perfekten Grund, ihn zu vermeiden.
Übrigens: Die 3.200 Notrationen können Sie behalten. Ich habe inzwischen verstanden, dass mein ursprüngliches Angebot falsch formuliert war.
Ich wollte nicht die Seiten wechseln.
Ich wollte nur darauf hinweisen, dass ein Mensch manchmal mehr braucht als eine Uniform, einen Auftrag oder eine Statistik.
Manchmal braucht er jemanden, der ihm zuhört.
Falls Ihre Rekrutierungsabteilung irgendwann eine solche Stelle einrichten möchte, können Sie mich gerne kontaktieren. Ich verlange keine Drohnen, kein Budget und keine Auszeichnungen.
Nur einen Stuhl, einen Tisch und etwas Zeit.
Mit nachdenklichen Grüßen
Ihr ehemaliger – und vermutlich weiterhin unbequemer – Neo-Magnet
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